
Foto: Edda Rössler
Ein arrivierter Künstler präsentiert Kunst in der „Höhle“ Edwin Schäfer, Jahrgang 1965, vielfach ausgestellt, Stipendiat von Kunstfonds Bonn bis Villa Massimo, zeigt im Basement des Atelierfrankfurt 14 großformatige Arbeiten und nennt die Schau „Tropfsteinhöhle“. Das klingt nach Geologie, nach Naturkundeunterricht. Tatsächlich ist es eine ziemlich präzise Selbstbeschreibung.
Schäfers Bilder entstehen langsam. Sehr langsam. „In kleinen, tropfenartigen, kreisenden Bewegungen entsteht das Bild, von links oben nach rechts unten“, sagt er. Kein Komponieren im klassischen Sinn, kein zentrales Motiv, das sich durchsetzt. Stattdessen ein systematisches Durcharbeiten der Fläche, Abschnitt für Abschnitt. Wenn er unten angekommen ist, ist Schluss. „Wann merke ich, dass es fertig ist? Wenn ich unten angekommen bin.“ Strenger kann man sich selbst kaum regieren.
Der Ausstellungstitel ist durchaus augenzwinkernd gemeint. „Ein bisschen ist das auch ein ironischer Verweis auf dieses Basement hier, dieser fensterlose Raum hat ja etwas Höhlenartiges“, sagt Schäfer. Und tatsächlich: Man tritt aus dem Frankfurter Tageslicht in einen rauen, betonierten Bereich und steht plötzlich vor 14 zwei Meter hohen Leinwänden, die sich wie gewachsene Formationen an der Wand behaupten.
Schäfer kommt von der Zeichnung. Wandarbeiten, Papier, Tusche in nahezu obsessiver Menge. „Ich habe ja ganz gut gezeichnet, Malerei mache ich streng genommen erst seit zehn Jahren“, sagt er. Doch auch die Ölbilder verraten den Zeichner. Linie bleibt Ereignis, Wiederholung Methode. Ihn interessiert „dieses Eintauchen, diese Tätigkeit, dieses Zeichnen, dieses Malen“, der Prozess selbst. Naturabbildung sei nicht das Ziel. Und doch taucht sie auf, auf Umwegen. „Wenn man sich auf den Malprozess verlässt, kommen Assoziationen zurück ins Bild.“
Das jüngste Werk, die großformatige Tuschearbeit „Dreidimensionaler Regen“, bündelt diese Haltung. Schwarze, dicht gesetzte Formen wachsen und tropfen zugleich, scheinen zu fallen und sich aufzurichten. Rhythmus entsteht durch Differenz und Wiederholung. Man denkt an vegetabile Ornamente, an Jugendstil, vielleicht auch an serielle Strukturen der Nachkriegsabstraktion, ohne dass sich das Bild festlegen ließe. Jede Bewegung habe „in dem Moment ihre Berechtigung“, sagt Schäfer.
Daneben hängen farbige Arbeiten, in denen Öl und Acryl ineinandergreifen. Unter der sichtbaren Schicht liegt häufig ein sorgfältig entwickelter Acrylgrund, der nicht bloß Grundierung ist, sondern „etwas, was das Bild vorbereitet“. Schäfer spricht von unterschiedlichen „Lichtern“, die durch Lasur oder durch das Ineinandermalen von Preußischblau und Neapelgelb entstehen. Farbe ist hier kein verführerisches Feuerwerk, sondern präzises Instrument.
Dass ausschließlich große Formate im Basement hängen, ist auch eine kuratorische Entscheidung. Corinna Bimboese, langjährige Leiterin des Atelierfrankfurt, hat die Ausstellung gemeinsam mit Schäfer entwickelt. Sie begleitet seine Arbeit seit Jahren. „Ich habe mitgeholfen, wir haben das zusammen gemacht“, sagt sie. Ursprünglich hätte sie gern noch eine kleinere Zeichnung integriert. „Aber ich bin jetzt glücklich, dass es jetzt nur diese großen Formate gibt“, sagt sie. Die Konzentration verleihe der Schau „Würde und Konsequenz“.
Bimboese leitet einen der produktivsten Künstlerstandorte der Stadt. Über 220 Künstler arbeiten im Atelierfrankfurt. Im Basement finden vier bis sechs Ausstellungen im Jahr statt, im gesamten Haus sind es bis zu 16 Projekte jährlich. Man sei kein kommerzieller White Cube, sondern ein gemeinnütziger Verein. „Wir haben nicht die Gelder, um irgendwelche Kuratoren einfliegen zu lassen“, sagt sie. Gerade deshalb entstünden die Ausstellungen im engen Austausch mit den Künstlern des Hauses, aus den Ateliers heraus, aus konkreten Arbeitsprozessen.
„Tropfsteinhöhle“ ist ein solches Resultat. Eine Ausstellung, die nicht auf Effekt setzt, sondern auf Konsequenz. Schäfers Malerei will nicht gefallen, sie will sich entwickeln, Tropfen für Tropfen. Der Betrachter steht davor wie in einer Höhle, erst irritiert, dann orientierungslos, schließlich aufmerksam für kleinste Verschiebungen. Man muss Zeit mitbringen. Dann beginnt das Gestein zu arbeiten.
Die Ausstellung ist noch bis zum 02.04. zu sehen. Weitere Informationen unter atelierfrankfurt.de/portfolio_page/tropfsteinhoehle/

Foto: Edda Rössler
Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 03.03.2026 in Frankfurter Neue Presse
