Wie drei Malerinnen in der Galerie Leuenroth die Landschaft neu verhandeln

Foto: Edda Rössler
Artemisia ist ein Wort, das nach Kräuterkammer riecht und zugleich nach Mythos klingt. Beifuß, Wermut, Estragon, Pflanzen zwischen Heilung und Bitterkeit. Und Artemis, Göttin der Jagd, der Natur und der weiblichen Autonomie. In der Frankfurter Galerie Kirsten Leuenroth wird dieser vielschichtige Name zur Überschrift einer Ausstellung, die Natur nicht als Kulisse versteht, sondern als Denkraum der Malerei. Dass die Galerie im laufenden Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert, verleiht dieser Setzung zusätzliches Gewicht. „Artemisia“ wirkt wie eine konzentrierte Standortbestimmung nach zwei Jahrzehnten kontinuierlicher Galeriearbeit.
Gezeigt werden Werke von Isabelle Dutoit, Yvette Kiessling und Tanja Selzer. Drei Künstlerinnen, alle in den siebziger Jahren geboren, alle seit Jahren feste Größen im Programm der Galerie, alle mit je eigener Handschrift. Zum ersten Mal stehen sie gemeinsam in einem thematischen Zusammenhang. Verbunden sind sie nicht durch Stil, sondern durch einen selbstbewussten Umgang mit Natur und Landschaft, einem der ältesten und zugleich heikelsten Genres der Kunstgeschichte. Ob klassische Ölmalerei oder Drucke mit malerischer Überarbeitung, Farbe ist bei allen drei nicht Ornament, sondern Träger von Erfahrung.
Isabelle Dutoits Bilder entziehen sich der schnellen Lesbarkeit. Tiere, Vögel, Pflanzen erscheinen nicht als erzählende Motive, sondern als Verdichtungen von Wahrnehmung. Ihre Malerei entsteht in Schichten, aus der Fläche heraus. Licht scheint aus der Farbe selbst zu kommen, geführt wie in einer barocken Dramaturgie, die nicht belehrt, sondern lenkt. Dutoit schaut viel Kunst, alte Meister ebenso wie zeitgenössische Positionen, und eignet sich immer wieder Details an: Lichtführungen, Übergänge, kleine malerische Entscheidungen. Sie sammelt sie als innere Bibliothek, nicht als Zitat. In Arbeiten mit Krähen oder Wölfen kippt die Szene zwischen Bewegung und Stillstand. Überlagerungen lassen offen, ob man einen Moment oder mehrere zugleich sieht. Ein Bild ist hier kein Abbild, sondern ein Zustand.
Yvette Kiesslings Arbeiten speisen sich aus konkreten Landschaftserfahrungen, insbesondere aus ihren wiederholten Aufenthalten in Tansania. Charakteristisch für ihr aktuelles Werk ist eine hybride Arbeitsweise. Ausgangspunkt sind Drucke eigener Bildvorlagen, die sie im Atelier mit Ölfarbe weiterbearbeitet. In dieser Übermalung verschiebt sich der Status des Bildes. Das Reproduzierbare wird zum Unikat, das Motiv zur offenen Struktur. Tropische Vegetation, Wege und Waldinnenräume lösen sich in vibrierende Farbräume auf. Landschaft erscheint weniger als Ort denn als Zustand, als Ergebnis einer langsamen Annäherung zwischen Erfahrung, Erinnerung und malerischem Prozess.
Tanja Selzer treibt die Malerei ins Physische. Ihre jüngeren Arbeiten verzichten auf Figur und Narration zugunsten einer unmittelbaren Naturerfahrung. Dynamische Pinselzüge formen vegetative Strukturen, verdichten sich zu Bildräumen ohne Fluchtpunkt. In großformatigen Leinwänden entfaltet die Farbe eine nahezu körperliche Präsenz. Landschaft ist hier kein Panorama, sondern ein Ereignis, das den Blick hineinzieht.
„Artemisia“ ist keine Naturromantik und kein ökologisches Statement. Die Ausstellung zeigt drei eigenständige Positionen, die sich nicht harmonisieren lassen und gerade darin überzeugen. Natur erscheint als Medium der Malerei, Farbe als Erkenntnisinstrument. Für eine Galerie, die seit zwanzig Jahren auf Kontinuität und künstlerische Entwicklung setzt, ist das ein leises, aber souveränes Zeichen.
Die Ausstellung ist noch zu den üblichen Öffnungszeiten bis zum 7.3.2026 zu sehen. Am 26.2. (19 Uhr) findet unter der Moderation der Kunsthistorikerin Antje Kraus ein Gespräch mit den Künstlerinnen statt.
www.galerieleuenroth.de
Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht in Frankfurter Neue Presse am 21.01.2026
