
Foto von Barbara Walzer
„It’s a match“ heißt die Ausstellung in der Oberfinanzdirektion Frankfurt. Der Titel klingt zunächst wie ein augenzwinkernder Gruß aus der Welt des Onlinedatings. Ein Versprechen algorithmischer Passgenauigkeit, erzeugt aus Gemeinsamkeiten, berechnet aus Vorlieben. Würde man dieses Prinzip auf die beiden beteiligten Künstler anwenden, es käme vermutlich zu keiner Verbindung. Zu unterschiedlich sind Haltung, Duktus, Temperament. Und doch plädiert Kurator Giselher Hartung für ein Date. Nicht im Sinne der Ähnlichkeit, sondern als Zusammentreffen zweier ausgeprägter künstlerischer Ichs.
Martin Holzschuh, 1972 in Frankfurt geboren, Meisterschüler der Städelschule bei Michael Krebber, ist ein wahrer Magier der Farbe. Auf den ersten Blick empfängt seine Malerei den Betrachter mit Dunkelheit und Schwere. Tiefe Schwarz und Blauwerte legen sich wie ein Schleier über die Leinwand. Man meint, vor verschlossenen Räumen zu stehen, vor Bildern, die sich dem Zugriff entziehen. Doch gerade in dieser initialen Verdichtung liegt der Zauber.
Wer verweilt, wer dem Bild Zeit gewährt, erlebt, wie es sich allmählich öffnet. Unter den dunklen Schichten beginnen Grün und Rot zu glimmen, Figuren treten hervor wie aus einem Traum, Landschaften weiten sich zu inneren Bühnen. Die Schwere verliert ihr Gewicht. Aus dem anfänglichen Dunkel entwickelt sich eine eigentümliche Leuchtkraft, eine Fantasiewelt, frei von bloßer Schwermut. Holzschuh führt den Blick durch ein Tor der Finsternis in Räume, die von Imagination und Poesie erfüllt sind.
Hier berührt seine Malerei die Tradition des Symbolismus. Nicht die sichtbare Welt steht im Zentrum, sondern das innere Bild. Wie bei Odilon Redon wachsen Gestalten aus einem dämmernden Grund, erscheinen weniger als Körper denn als Erscheinungen. Und wie bei Arnold Böcklin liegt in den Bildräumen eine eigentümliche Schwebe zwischen Mythos und Psychologie. Doch Holzschuh zitiert nicht, er aktualisiert. Das Symbol wird bei ihm nicht zum allegorischen Zeichen, sondern zum atmosphärischen Zustand. Seine Figuren sind keine Erzählfiguren, sondern seelische Projektionen. Das Sichtbare dient als Schwelle zum Unsichtbaren.
Seine Zeichnungen wirken demgegenüber skizzenhaft, tastend, wie erste Beschwörungen dessen, was später in Öl seine volle Intensität entfaltet. Sie sind Notate eines Denkens in Bildern, Vorstufen zu jenen großformatigen Leinwänden, die den Betrachter erst in Dunkelheit hüllen und dann in unerwartete Bildräume entlassen.
Kerstin Krone Bayer, ausgebildet an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und mit einem Gaststudium an der Städelschule, verfolgt einen gänzlich anderen Ansatz. Sie arbeitet abstrakt in Öl, auch sie zeichnet. Doch ihr Verhältnis zur Farbe ist ein dialogisches. Immer wieder erleben wir in ihrem Werk farbliche Rechtecke oder Kreise, Gegensätze, die auf Balance zielen. Plus und Minus, kalt und warm, weit und eng hält sie in einem spannungsvollen Gleichgewicht. Sie reagiert malerisch auf jedes Farbsegment, setzt Kontrapunkte, wie es Johannes Itten einst als produktives Prinzip formulierte.
Bei ihr lässt sich das Reagieren der Farben nahezu physisch verfolgen. Wie bei einem Pianisten, der jede Note auskostet, kann man beobachten, wie ein Ton den nächsten hervorruft. Es geht nicht um die dramatische Geste, nicht um expressive Überwältigung, sondern um ein präzises, intuitives Austarieren. Farbe arbeitet an Farbe. Fläche antwortet auf Fläche. Das Ergebnis ist eine Farbreise, ein Erlebnis des Sehens, das sich Schritt für Schritt entfaltet.
Entsprechend präzise erscheinen ihre Zeichnungen. Die Neigung zum Detail, zum Ausformulieren, zeigt sich hier in besonderer Klarheit. Wo Holzschuhs Blätter wie flüchtige Gedankensplitter wirken, sind Krone Bayers Arbeiten durchkomponiert, strukturiert, bis in die Linienführung durchdacht.
So begegnen sich in der Oberfinanzdirektion zwei Positionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und gerade deshalb ein produktives Spannungsfeld erzeugen. Der Ausstellungstitel betont das Ich. „I’ts a match“ als Selbstbehauptung, nicht als Verschmelzung. Jeder bleibt bei sich, in seiner künstlerischen Integrität. Und doch entsteht im Nebeneinander eine überraschende Resonanz.
Die Ausstellung „I’ts a match“ ist Teil der Reihe „Gemischtes Doppel“ und noch bis zum 30. April in der Oberfinanzdirektion Frankfurt, Zum Gottschalkhof 3, zu sehen. Jeweils montags bis freitags von 17 bis 20 Uhr.
Zur Finissage am 30. April um 17 Uhr stellen die Künstler ihren Ausstellungskatalog vor.
Text von Edda Rössler
Der Bericht wurde am 24. Februar 2026 in Frankfurter Neue Presse veröffentlicht
