Zwischen Wald und Welle – Jan Davidoff in der Galerie Maurer

Jan Davidoff vor der monumentalen Arbeit „Drift“. Er übersetzt Bewegung in kontrollierte Energie. Die Linie rollt, aber sie entgleitet nie. Foto: Edda Rössler
Jan Davidoff vor der monumentalen Arbeit „Drift“. Er übersetzt Bewegung in kontrollierte Energie. Die Linie rollt, aber sie entgleitet nie.
Foto: Edda Rössler

Mit der aktuellen Ausstellung „Layers of the Real“ zeigt die Galerie Maurer neue Arbeiten des Malers Jan Davidoff (1976), einem Schüler von Günther Forg. Die Solo-Show demonstriert konsequent, wofür der in München und am Ammersee lebende Künstler steht. Seine Malerei will keinen Schonraum und verzichtet auf Sentimentalität. Mit klarem Kalkül und einer Bildsprache, die den Betrachter fordert, aber nicht belehrt, konstatiert er, dass wir uns in unsicheren Zeiten befinden.

Zu sehen sind rund 20 Werke aus den Jahren 2022 bis 2026, überwiegend großformatige Leinwände, ergänzt durch Reliefdrucke auf Holz und Aluminium. Arbeiten wie Schwarm, Eisfeld Drift oder The Wave (alle 200 × 140 cm) markieren die Pole des Davidoff’schen Kosmos: dichte Linienfelder, geschichtete Farbräume, tektonische Bewegungen. Kleinere Formate wie Kleiner Wirbel oder Im tiefen Wald verdichten diese Dynamik auf engem Raum – präzise, konzentriert, ohne dekorativen Überschuss.

Davidoff arbeitet mit Mischtechnik und Reliefdruck, mit gezogenem, gewischtem, gerakeltem Farbauftrag. Linien sind bei ihm keine Geste, sondern Struktur; Ornamente keine Verführung, sondern Resultat. „Ich will keine Stimmung illustrieren, sondern Bedingungen sichtbar machen“, sagt der Künstler im Gespräch. Die Zeiten seien hart, das Parkett rutschig. Diese Härte ist in den Bildern präsent. Und doch: Die Palette, die rhythmischen Linien, die ausgeklügelte Perspektive erzeugen eine eigentümliche Lust am Sehen. Man bleibt hängen, entdeckt immer neue Stellen, neue Brüche, neue Übergänge.

Inhaltlich bewegt sich Davidoff zwischen dem germanischen Sujet – dem Wald – und der offenen Referenz an die internationale Kunstgeschichte. Die Wälder sind keine romantischen Rückzugsräume, sondern Verdichtungszonen: aufgerissen, durchfurcht, in Bewegung. Gleichzeitig lassen die wirbelnden Linien und die seriellen Überlagerungen an die Energie der amerikanischen Abstraktion denken, etwa an Robert Rauschenberg, ohne dessen Offenheit zur Collage zu kopieren. Und wenn sich die Bildräume zu schieben, zu rollen, zu brechen scheinen, ist auch ein fernes Echo der berühmten Welle von Hokusai spürbar, weniger als Zitat denn als formales Prinzip von Bewegung und Wiederholung.

Bemerkenswert ist, wie offen diese Malerei bleibt. Trotz aller Strenge lässt Davidoff Leerstellen zu. Die Bilder erzählen nichts aus, sie legen Spuren. Der Betrachter darf die eigene Vita mitbringen, um sich in diesen Schichtungen zu orientieren. Das macht die Arbeiten nicht beliebig, sondern widerständig.

Für die Galerie Maurer ist die Schau zugleich eine Bestätigung einer langjährigen Zusammenarbeit: Davidoff war hier bereits mehrfach mit Solo-Ausstellungen vertreten. Die neue Präsentation wirkt dennoch nicht retrospektiv, sondern hochaktuell. Es ist auch ein Zwischenstand eines Künstlers, der seine Mittel kennt und sie weiter verschärft.
Hier findet der Betrachter keine falschen Versprechen, aber Werke mit großer visueller Energie. Wer genau hinsieht, wird reich belohnt.

„Layers of the Real“ in der Galerie Maurer ist noch bis zum 7. März 2026 zu sehen.
Weitere Informationen unter www.galerie-maurer.com

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht in Frankfurter Neue Presse am 28. Januar 2026