
Foto: Edda Rössler
„Soft Collapse“, schon der Titel der Ausstellung setzt einen Ton, der sich jeder Dramatik entzieht und gerade darin seine Spannung entfaltet. In der Frankfurter Galerie Andreas Greulich zeigt Isabel Friedrich rund sechzehn Gemälde, darunter mehrere großformatige Arbeiten, die sich nicht als Ereignisse aufdrängen, sondern als Zustände entfalten. Es sind Bilder des Davor, des leisen Kippens, in dem sich Wahrnehmung verschiebt, ohne dass sich die Welt bereits entschieden hätte.
Schon beim Eintritt begegnet man jenen eigentümlichen Szenerien, die Friedrichs Malerei auszeichnen. Ein Mann richtet eine historische Kamera auf einen in der Luft schwebenden Delfin, als habe sich ein Kindheitstraum in die Gegenwart verirrt. Die Farbigkeit steigert sich dabei zu einer eigentümlichen Zuspitzung. Neonhafte Töne durchziehen die Bildfläche, leuchten und vibrieren, ohne je ins Schrille zu kippen. Es ist, als würde die Künstlerin die Intensität bis an eine Grenze treiben, die sie im letzten Moment nicht überschreitet. Eine „positiv aggressive“ Farbpalette, wie sie im Gespräch treffend genannt wurde, die zugleich reizt und ausbalanciert ist.
„Gedämpfte Töne haben für mich etwas Fragiles, Vorläufiges“, sagt Friedrich. „Sie tragen Stimmung, ohne sie zu behaupten.“ Gerade in der Spannung zwischen gedämpften Passagen und gezielt gesetzten, neonhaften Steigerungen entfaltet sich die Energie ihrer Malerei.
Friedrich arbeitet mit Versatzstücken, die sie aus unterschiedlichen Zeiten und Wirklichkeiten zusammenführt. Fotografen mit historischen Apparaten, Figuren in Kleidung der fünfziger und sechziger Jahre, architektonische Fragmente, die zugleich konkret und entrückt erscheinen. Es sind Bilder über Zeit, über deren Wahrnehmung und Dehnung. „Wie schlägt sich Zeit in Bildern nieder“, fragt sie selbst und setzt damit den gedanklichen Rahmen ihrer Arbeit.
Besonders eindrücklich wird dies in einem Gemälde, das einen kleinen Kiosk am Meer zeigt. Ein Mann sitzt davor, versunken in eine unbestimmte Tätigkeit, während hinter ihm Himmel und Wasser in weichen Übergängen verschwimmen. Die Komposition ist von einer Strenge, die unweigerlich an Edward Hopper erinnert, an jene Szenen konzentrierter Einsamkeit, in denen Architektur und Figur in ein gespanntes Verhältnis treten. Galerist Andreas Greulich gerät hier ins Schwärmen nicht zuletzt wegen der malerischen Qualität des Hintergrunds. „Ich habe die steile These, dass Leute, die es schaffen, so einen Hintergrund spannend malerisch zu lösen, echt gute Maler sind.“
In Friedrichs Malerei klopft der Surrealismus an die Tür. Man glaubt ihn eintreten zu sehen, in der Schwebe der Dinge, in der leisen Irritation des Vertrauten. Doch er bleibt nicht. Er zögert, prüft, und zieht sich wieder zurück. Was bleibt, ist eine fragile Zwischenzone, kein Traum, sondern eine Möglichkeit.
Diese malerischen Welten entstehen aus einem sensiblen Zusammenspiel von Technik und Intuition. Tusche legt fließende, atmosphärische Gründe, auf denen sich die Ölfarbe mit größerer Dichte behauptet. Das Bild wird so selbst zum Austragungsort jener Spannung zwischen Auflösung und Setzung, die auch inhaltlich verhandelt wird.
Dass Isabel Friedrich ihre künstlerische Praxis nicht nur im Atelier verortet, sondern aktiv in größere Zusammenhänge einbindet, zeigt ihr Engagement über die Malerei hinaus. Als Mitbegründerin des Malerinnen Netzwerks frank* initiiert und organisiert sie Plattformen für Austausch, Sichtbarkeit und Zusammenarbeit von Künstlerinnen und trägt damit zur Stärkung der lokalen wie internationalen Kunstszene bei.
Für den Galeristen Andreas Greulich markiert die Ausstellung zugleich ein Jubiläum. Seit zehn Jahren arbeitet er mit Isabel Friedrich zusammen.
Die Ausstellung „Soft Collapse“ ist noch bis zum 18. April zu sehen. Weitere Informationen unter www.galerie-greulich.de
Text und Foto von Edda Rössler,
veröffentlicht in Frankfurter Neue Presse am 7. April 2026
