Sie zeigt, was uns der Asphalt erzählt

Myriam Tancredi (Mitte) mit den beiden Schmiere-Chefs Matthias Stich und Effi B. Rolfs, die sich beeindruckt zeigen: Die Arbeiten fügen sich stimmig in den Schmiere-Keller ein und regen zu anhaltenden Gesprächen an. Foto: Ralf Buron
Myriam Tancredi (Mitte) mit den beiden Schmiere-Chefs Matthias Stich und Effi B. Rolfs, die sich beeindruckt zeigen: Die Arbeiten fügen sich stimmig in den Schmiere-Keller ein und regen zu anhaltenden Gesprächen an.
Foto: Ralf Buron

Myriam Tancredi findet das Drama im Weggeworfenen – Ausstellung in der Schmiere

Was wir wegwerfen, erzählt mehr über uns, als uns lieb ist. Im Theater Die Schmiere hebt Myriam Tancredi genau diese übersehenen Reste des Alltags ins Zentrum ihrer Foto-Ausstellung und macht sie zum Ausgangspunkt einer wie eindringlichen Bildbefragung.

Das Haus, seit Jahrzehnten ein Begriff für renommiertes Kabarett und ebenso verlässlich ein Ort von Kunstausstellungen, setzt damit seine Tradition mit einer bemerkenswerten Werkschau fort. Zu sehen sind 15 Schwarzweiß-Fotografien im Format 30 mal 40 Zentimeter, in limitierter Auflage. Es sind konzentrierte Aufnahmen von Fundstücken im Stadtraum. Verlorene Handschuhe, verlassene Objekte, scheinbar wertlose Dinge gewinnen in Tancredis Bildsprache eine unerwartete Präsenz. Frankfurt, ein gewöhnlicher Gehweg. Man könnte einfach weiterlaufen. Doch wer stehen bleibt, entdeckt ein ganzes Drama im Kleinformat.

Es sind die Dinge, über die man sonst hinweggeht. Und dann liegt da plötzlich eine Geschichte. Zwei schwarze Handschuhe, lässig hingeworfen, als hätte jemand sie gerade noch getragen und sei dann spurlos verschwunden. Handschellen, mitten auf dem Gehweg, so beiläufig platziert, dass man unwillkürlich innehält. Und eine zerknitterte Plastikflasche im Gras, die sich so selbstverständlich in ihre Umgebung fügt, dass sie fast zur Skulptur wird.

„Es waren teilweise wirklich absurde Begegnungen, die nicht inszeniert sind“, sagt Tancredi. Ihre Motive findet sie auf Spaziergängen durch Frankfurt. Was wie Zufall erscheint, ist in Wahrheit das Ergebnis eines geschulten, wachen Blicks.

Die Fotografien sind präzise komponiert. Tancredi interessiert die Stofflichkeit der Dinge, ihre Oberflächen, ihre Spuren. Asphalt, Pflaster, Gras, Laub. Die Gegenstände verschmelzen mit ihrer Umgebung, als gehörten sie genau dorthin. Der verlorene Handschuh wird zur Geste, die Plastikflasche zur Verwandlung.

Die Titel setzen eine kluge Pointe. „Musikantenweg“, „Kesselstädter Straße“, „Kurfürstenplatz“, „Heiligenstock“. Straßennamen als reale Topografie und zugleich als Projektionsfläche für Imagination. Sie öffnen Räume für Geschichten, ohne sie festzuschreiben.

Im „Musikantenweg“ von 2024 liegen die schwarzen Handschuhe fast nonchalant im Bild. Die Handschellen vom „Kurfürstenplatz“ aus dem Jahr 2025 wirken wie ein Krimi ohne Auflösung. „Ich bin fast drüber gestolpert“, sagt Tancredi. Der Tischkicker in der „Kesselstädter Straße“ von 2025 trägt Spuren von Spiel und Vergänglichkeit.

Besonders wichtig ist ihr „Heiligenstock“ von 2026. Eine zerdrückte Plastikflasche, kaum noch als solche erkennbar. „Ich finde es bemerkenswert, wie sehr sich Objekte in die Natur einfügen können, bis man sie fast nicht mehr wahrnimmt“, sagt sie.

Kunsthistorisch lässt sich dieser Zugriff verorten. Tancredis Fotografien stehen in Verbindung mit Positionen, die das Banale ernst nehmen und dem Übersehenen eine ästhetische Würde verleihen, man denkt an Lee Friedlander, William Eggleston oder Wolfgang Tillmans. Und doch behaupten die Arbeiten eine eigene Tonlage. Sie sind weniger analytisch, weniger konzeptuell, dafür spürbar szenisch. Vielleicht kein Zufall. Hier fotografiert eine Schauspielerin. Die Dinge erscheinen wie Requisiten, deren Spieler verschwunden sind und die nun selbst zu Akteuren werden.

Dass Tancredi konsequent in Schwarzweiß arbeitet, ist eine bewusste Entscheidung. „Es hat etwas Mystisches, Geheimnisvolles, auch Melancholisches“, sagt sie. Vor allem aber schärft es den Blick für Form, Struktur und Präsenz.

Ganz nebenbei entfaltet RE | LEASE eine nachhaltige Haltung. „Mir ist wichtig, dass man die Wertigkeit von Dingen überdenkt“, betont Tancredi.

Die Foto-Ausstellung ist noch bis zum 30. Mai, jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn, im Theater Die Schmiere zu sehen.

Weitere Information unter www.die-schmiere.de/veranstaltungen

Text von Edda Rössler
Foto von Ralf Buron
Veröffentlicht am 8. April 2026 in Frankfurter Neue Presse