Die Stadt als Seelenlandschaft: Barbara Walzer und Matthias Kraus zeigen im BBK Frankfurt die Ausstellung „Stadt-Werke“

Zwischen Großstadtpoesie und Bildersturm: Der Grafiker und Zeichner Matthias Kraus und die Fotografin Barbara Walzer im BBK Frankfurt, wo Frankfurt nicht als Skyline erscheint, sondern als vibrierender Raum aus Erinnerungen, Begegnungen und urbanen Zuständen. Foto: Edda Rössler
Zwischen Großstadtpoesie und Bildersturm: Der Grafiker und Zeichner Matthias Kraus und die Fotografin Barbara Walzer im BBK Frankfurt, wo Frankfurt nicht als Skyline erscheint, sondern als vibrierender Raum aus Erinnerungen, Begegnungen und urbanen Zuständen.
Foto: Edda Rössler

Frankfurt ist eine Stadt der Oberflächen. Glas, Stahl, Raster, Spiegelungen. Wer hier unterwegs ist, bewegt sich meist im Tempo der Ökonomie durch Straßen und Plätze, vorbei an Fassaden, die wirken, als hätten sie sich selbst entworfen. Umso bemerkenswerter ist die Ausstellung „Stadt-Werke“ im BBK Frankfurt, weil sie dort ansetzt, wo die polierte Oberfläche der Großstadt Risse bekommt. Die Fotografin Barbara Walzer und der Zeichner und Grafiker Matthias Kraus zeigen keine Stadtansichten im klassischen Sinn. Sie zeigen Zustände.
Schon beim Betreten der Ausstellung zieht Kraus’ monumentale Arbeit „Sockendieb“ den Blick an. Zehn Meter lang, mehr als zwei Meter hoch, ein dichter Bilderstrom aus Figuren, Gesten und Bewegungen. Menschen stehen auf dem Kopf, Musiker blasen Trompeten, ein Mann zielt mit einer Pistole ins Off, andere tanzen oder taumeln. Die Arbeit bewegt sich zwischen Straßentheater, Blueskonzert und gesellschaftlichem Panoptikum.

Entstanden ist die Zeichnung innerhalb von sieben Monaten. Über die gesamte Wand entfaltet Kraus einen Kosmos aus Musikern, Außenseitern, Akrobaten und Tagträumern. Die Figuren scheinen über die Fläche zu laufen wie Noten über ein Musikblatt. Dass der Künstler dafür Zementfarbe und schwarze Harzfarbe aus dem Baumarkt verwendet, verstärkt den rauen Charakter der Arbeit noch. Die Linien wirken improvisiert und präzise zugleich.

Daneben zeigen die scherenschnittartigen Grafiken eine lakonischere Seite des Künstlers. Schwarze Silhouetten kippen durch urbane Räume, Beine hängen kopfüber zwischen Hochhausfassaden. Die Szenen besitzen Witz, aber auch eine unterschwellige Nervosität. Kraus beobachtet Menschen wie ein Chronist urbaner Rituale. Seine Figuren erzählen von Exzess und Müdigkeit, von Melancholie und Angriffslust. „Das sind lauter Bekannte und Verwandte in ihren Posen“, sagt der Künstler. Doch es gehe weniger um Porträts als „um die Haltung“.

Barbara Walzer nähert sich Frankfurt dagegen mit der Kamera wie eine Flaneurin der Zwischenräume. Ihre Schwarzweißfotografien suchen nicht die spektakuläre Skyline, sondern die stillen Übergänge zwischen Mensch, Architektur und Erinnerung. „Mich interessiert die Seele der Stadt“, sagt sie. „Der Mensch ist natürlich Mittelpunkt. Dazu kommen Architektur, Kunst und Natur.“

Walzer fotografiert Frankfurt seit vielen Jahren. Ihre Bilder zeigen keine repräsentative Bankenmetropole, sondern eine Stadt im Zustand permanenter Veränderung. Unter Brücken liegen Menschen in der Sonne, an Brunnen entstehen beiläufige Gespräche, Passanten wirken wie Figuren eines Films, dessen Handlung offenbleibt. Auch Mirek Macke erscheint in einer Aufnahme unter der Honsellbrücke. Der Leiter des Kunstvereins Familie Montez wirkt darin selbst wie Teil einer Frankfurter Stadterzählung. Besonders stark sind jene Fotografien, in denen sich Urbanität und Verletzlichkeit berühren. Walzers Blick bleibt aufmerksam, ohne voyeuristisch zu werden. Ihre Bilder suchen nicht den schnellen Effekt. „Das Licht macht mit mir mit“, sagt sie über ihre Arbeit. Tatsächlich erscheint Frankfurt bei ihr weniger gebaut als atmosphärisch gewachsen.

Zwischen Kraus’ eruptiven Zeichnungen und Walzers zurückgenom-menen Fotografien entsteht ein spannungsreiches Wechselspiel. Die Ausstellung verzichtet auf kuratorische Überdeutlichkeit. Stattdessen begegnen sich zwei sehr unterschiedliche künstlerische Handschriften auf Augenhöhe. Walzer verdichtet den urbanen Alltag zu poetischen Momenten. Kraus verwandelt ihn in einen chorischen Bildersturm.
Dabei geht es weder um Sozialreportage noch um nostalgische Großstadtseligkeit. „Stadtwerke“ zeigt Frankfurt als psychischen Raum, als Ort, an dem Bewegungen, Biografien und Erinnerungen ineinanderfließen. Die Stadt erscheint nicht als Kulisse, sondern als Organismus.

Vielleicht liegt darin die Stärke dieser Ausstellung. Man muss sich den Arbeiten aussetzen, den Linien folgen, in den Fotografien verweilen. Dann beginnt Frankfurt plötzlich zurückzublicken. Und am Ende verlässt man die Grusonstraße mit dem seltenen Gefühl, die Stadt für einen Moment tatsächlich gesehen zu haben.

Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Mai geöffnet. Weitere Informationen unter bbk-frankfurt.de

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 15. Mai 2026 in Frankfurter Neue Presse