Junge Kuratoren entdecken die Sammlung der DZ BANK Kunststiftung neu

Foto: Edda Rössler
Es beginnt mit einem Schneeball. Mit einer Handvoll Schnee, fotografisch festgehalten in einer Serie, die Bild für Bild ihre Form verändert, schmilzt, zerfällt und neue Zustände hervorbringt. Was zunächst wie eine beiläufige Beobachtung erscheint, entfaltet in der Ausstellung „N+1. Mehr als ein Bild“ der DZ BANK Kunststiftung eine unerwartete Präzision. Denn die Schau interessiert sich weniger für das autonome Einzelwerk als für Übergänge, Wiederholungen und Verschiebungen, für das Bild als Teil eines größeren Zusammenhangs.
Bereits der Titel verweist auf dieses Prinzip. „N+1“ stammt aus der Mathematik und bezeichnet die Erweiterung eines bestehenden Systems um ein weiteres Element. Übertragen auf die Kunst wird daraus eine Methode des Sehens: Bilder treten in Beziehung, verändern einander und erzeugen neue Bedeutungen. Die Ausstellung versteht Fotografie nicht als abgeschlossene Setzung, sondern als offenes Gefüge aus Serialität, Referenz und Assoziation.
Entwickelt wurde die Schau von Studierenden des Masterstudiengangs Fotografie der Folkwang Universität der Künste in Essen. Die DZ BANK Kunststiftung lud sie ein, nicht als Künstler, sondern als Kuratoren zu arbeiten. Zweiundzwanzig junge Kunstschaffende sichteten die Sammlung, entwickelten thematische Korrespondenzen und überführten Werke unterschiedlichster Positionen in neue Konstellationen. Begleitet wurden sie von Christina Leber, der künstlerischen Leiterin der DZ BANK Kunststiftung, sowie dem Kunstwissenschaftler Steffen Siegel.
„Die Studierenden mussten lernen, Werke nicht nur isoliert zu betrachten, sondern Beziehungen zwischen ihnen sichtbar zu machen“, sagt Pressesprecherin Claudia Haevernick. Gerade darin habe der besondere Reiz des Projekts gelegen: „Es ging darum, die Sammlung neu zu lesen.“
Das Ergebnis wirkt bemerkenswert konzentriert. Statt eines studentischen Experiments entsteht eine präzise komponierte Ausstellung, die weniger chronologisch argumentiert als über visuelle Rhythmen und gedankliche Echoeffekte. Der Rundgang entwickelt eine eigene Dramaturgie. Motive tauchen wieder auf, Bildformen antworten einander über Räume hinweg, Materialien und Gesten beginnen zu korrespondieren.
Besonders eindrücklich zeigt sich dies in Dörte Eißfeldts Serie „Schneeball“ aus dem Jahr 1987. In zweiunddreißig Fotografien verfolgt die Künstlerin die langsame Veränderung einer Schneekugel vor schwarzem Hintergrund. Die Wiederholung desselben Motivs erzeugt eine Spannung zwischen Bewegung und Stillstand, Materialität und Auflösung. Der Schneeball erscheint dabei fast wie ein kosmischer Körper.
Einen anderen Ton setzt Roman Signers fotografische Sequenz eines durch die Luft fliegenden Holzstuhls. Wie häufig bei Signer wird ein alltäglicher Gegenstand zum Akteur einer kontrollierten Irritation. Der Stuhl verliert seine Funktion und gewinnt für einen kurzen Moment etwas Skulpturales und Absurdes.
Auch Adrian Sauers Arbeiten überführen vermeintlich nüchterne Motive in komplexe Bildräume. Seine bearbeiteten Fotografien von Ziegelsteinen lösen das Baumaterial aus seinem funktionalen Zusammenhang und transformieren es in fragile, nahezu malerische Strukturen. Das Dokumentarische kippt ins Abstrakte.
Daran knüpfen die installativen Arbeiten von Katarina Dubovská an. Die Künstlerin untersucht die Materialität digitaler Bilder, indem sie fotografische Fragmente, Objekte und technische Elemente zu räumlichen Anordnungen verdichtet. Analoge und digitale Wirklichkeiten erscheinen dabei nicht als Gegensätze, sondern als ineinander verschobene Zustände.
Als Einzelwerk mit Patina nimmt David Hockneys „Sunday Morning Mayflower Hotel, N.Y., Nov. 28, 1982“ einen gewichtigen Platz ein. In der fotografischen Collage löst der Künstler die Zentralperspektive der klassischen Fotografie radikal auf. Aus zahlreichen Einzelaufnahmen montierte er Bild, das Zeit, Bewegung und Wahrnehmung gleichzeitig sichtbar macht und den Raum nicht als statische Ordnung, sondern als subjektiv erfahrenes Kontinuum begreift.
„Man merkt der Ausstellung an, dass hier intensiv über Blickachsen und Bildbeziehungen nachgedacht wurde“, sagt Haevernick. Gerade die unterschiedlichen Handschriften der jungen Kuratoren erzeugten eine produktive Offenheit.
So ist „N+1. Mehr als ein Bild“ weit mehr als eine Präsentation von Sammlungsbeständen. Die Schau versteht die Sammlung als bewegliches System, das sich mit jeder neuen Konstellation verändert. Sie erzählt von Wiederholung und Differenz, von Material und Erinnerung, vor allem aber von der Instabilität fotografischer Bilder.
Die Ausstellung „N+1. Mehr als ein Bild“ ist noch bis zum 23. Mai in der DZ BANK Kunststiftung in Frankfurt zu sehen.
Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 16. Mai 2026 in Frankfurter Neue Presse
