Ein Hauch Paris – Bildhauerin Martine Andernach im Kunstraum Bernusstraße

Mit Pariser Flair: (v.l.) Kunsthistorikerin Viola Hildebrand-Schat, Galeristin Martina Grützmacher und Bildhauerin Martine Andernach Foto: Edda Rössler
Mit Pariser Flair:
(v.l.) Kunsthistorikerin Viola Hildebrand-Schat, Galeristin Martina Grützmacher und Bildhauerin Martine Andernach
Foto: Edda Rössler

Es ist zunächst die Ruhe, die diesen Arbeiten eigen ist. Eine Ruhe, die nicht Leere meint, sondern Konzentration. Die Galerie Kunstraum Bernusstraße präsentiert mit der Ausstellung „Linie – Fläche – Volumen“ über 30 Werke der Bildhauerin Martine Andernach, darunter Skulpturen, Collagen und Zeichnungen. Im Raum stehen ihre Arbeiten wie Setzungen: aufrecht, reduziert und von einer Selbstverständlichkeit, die jede demonstrative Geste vermeidet. Die 1948 in Rang-du-Fliers geborene, in Paris aufgewachsene Künstlerin lebt seit Jahrzehnten in Deutschland, doch in ihren Werken bleibt ein Hauch der französischen Metropole spürbar.

Was zunächst wie geometrische Strenge erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als beharrliche Suche nach dem Menschlichen. Andernach reduziert, um sichtbar zu machen. „Ich versuche, mit wenigen Mitteln etwas auszudrücken“, sagt sie. Diese Haltung prägt die gesamte Ausstellung. Figuren, die keine sind, Köpfe, die sich nur andeuten, Formen, die zwischen Körper und Architektur oszillieren.

Hier zeigt sich eine Nähe zu Auguste Rodin. Nicht in der Oberfläche, denn Andernachs Arbeiten vermeiden jede expressive Modellierung, sondern im Verständnis von Skulptur als Verdichtung von Erfahrung. Wie bei Rodin ist der Körper kein Abbild, sondern Träger eines inneren Zustands. Auch Andernach interessiert der Moment, in dem Form Bedeutung gewinnt. Ihre Köpfe sind keine Porträts, sondern Erinnerungen an Präsenz und Haltung.

Eine große, schlanke Holzskulptur im Zentrum wirkt wie ein tastendes Aufrichten. Kein Pathos, keine heroische Pose, vielmehr ein Innehalten im Raum. Gerade diese Zurücknahme erzeugt eine Spannung, die an Rodins fragmentarische Figuren erinnert. Daneben stehen kompakte Köpfe, deren minimale Verschiebungen von Volumen eine überraschende Präsenz erzeugen. „Das sagt mehr als jeder Text über einen Menschen“, beschreibt Andernach ihren Zugang zur Form.

Ihre bevorzugten Materialien sind Bronze, Corten-Stahl und Stein. Jedes Material wird ernst genommen, beinahe als Gegenüber. „Ich habe mit dem Stein gearbeitet, als würde ich mit ihm sprechen“, sagt sie. Darin klingt ein Gedanke an, der Michelangelo zugeschrieben wird: „Ich sah den Engel im Marmor und meißelte, bis ich ihn befreite.“ Auch bei Andernach scheint die Form bereits im Material angelegt.

Inspiration findet sie im Beobachten. Flüchtige Eindrücke von Gesichtern und Haltungen prägen ihr Arbeiten. „Wenn ich ein interessantes Gesicht sehe, merke ich es mir genau.“ Das Erinnerte wird nicht abgebildet, sondern in eine reduzierte Formensprache übersetzt.
Auch die Papierarbeiten folgen diesem Prinzip. Gefaltete und geschnittene Formen erzeugen eine überraschende Räumlichkeit. „Der Schatten gehört dazu, er wird mitgedacht.“ Die Frankfurter Kunsthistorikerin Viola Hildebrand-Schat hebt hervor, wie „flächige Formen durch feine Einschnitte ins Dreidimensionale kippen und selbst kleine Arbeiten monumental wirken“.

Dass Andernach sich in einer männlich geprägten Disziplin behauptet hat, darauf ist die Künstlerin stolz. „Als Frau muss man sich durchsetzen.“ Ihre Arbeiten selbst liefern die überzeugendste Antwort.
Warum die Galeristin die Künstlerin wiederholt zeigt, erklärt Marina Grützmacher aus dieser Verbindung von Reduktion und Menschlichkeit. „Selbst in der stärksten Reduktion bleibt etwas Menschliches erkennbar. Die Arbeiten sind vereinfacht und zugleich körperlich präsent.“

So entstand eine Ausstellung von großer Klarheit. Nichts ist laut, nichts drängt sich auf, und doch entfalten die Werke eine nachhaltige Wirkung. Darin liegt ihre Stärke: im Vermögen, das Wesentliche freizulegen.

Noch bis zum 23. Mai, weitere Informationen unter www.kunstraum-bernusstrasse.de

Text von Edda Rössler
Veröffentlicht am 17. April 2026 in Frankfurter Neue Presse