
Foto: Edda Rössler
Beim ersten Creator-Flohmarkt im Museum Angewandte Kunst wurde gestöbert, gefeilscht und anprobiert. 20 Frankfurter Kreative, Designer und private Anbieter öffneten ihre Kleiderschränke – und trafen damit einen Nerv.
Grün mit schwarzen Blüten, bodenlang, ein bisschen dramatisch und nichts für einen schüchternen Auftritt: Das Kleid lockt von Weitem. Daneben leuchten Taschen, auf Tischen warten Sonnenbrillen, Pumps, Schmuck und Uhren auf neue Besitzer. Mittendrin wird geschaut, angefasst, anprobiert – und natürlich gefeilscht.
Am Sonntag, 6. September, lud das Museum Angewandte Kunst erstmals zum Creator-Flohmarkt ein. Schon eine halbe Stunde nach der Eröffnung drängten sich die Besucher vor den Ständen. Kleiderbügel wanderten über Stangen, Taschen wurden ausprobiert, Preise verhandelt.
20 Teilnehmer waren dabei: Frankfurter Creator und Designer ebenso wie private Verkäufer, Secondhand- und Schmucklabels. Sie brachten mit, was Kleiderschränke und Ateliers hergaben – Lieblingsstücke, kaum Getragenes, mitunter Ungetragenes mit Etikett. Vintage traf Second Hand, Designerstück auf modisches Fundstück. Der Verkaufserlös blieb vollständig bei den Anbietern: 100 Prozent gingen an die jeweiligen Teilnehmer.
Die Idee passt ins Museum: Mode gehört längst zur Sammlungs- und Ausstellungspraxis. Diesmal kam sie nicht in die Vitrine, sondern an den Kleiderbügel und durfte mit nach Hause.
Pressedame Natali-Lina Pitzer vom Museumsteam zeigt sich vom Erfolg überrascht: „Ich dachte, es sind zwei, drei Leute hier. Ist ja total voll.“ Der Flohmarkt war zugleich ein Experiment: „Wir sind ein Haus, das sich intensiv mit Mode auseinandersetzt. Wir wollten das Haus öffnen und schauen, wie so eine Art von Event hier bei uns funktioniert.“ Eine Wiederholung ist geplant, möglicherweise bereits vor Weihnachten.
Museumsdirektor Matthias Wagner K hatte mit dem Andrang gerechnet. Schließlich seien „hervorragende Influencerinnen eingeladen“ worden, die ihre Community mitbrächten. Sein Urteil über das Angebot: „Es sind herausragende Modelabels dabei. Das ist auf einem extrem hohen Niveau.“ Und dann folgt eine kleine modische Liebeserklärung an seine Stadt: „Ich finde, in Frankfurt sind die Menschen oftmals besser angezogen als in anderen Städten.“
Besonders ins Auge fallen die kräftigen Farben und Muster von Whitney Serwaah. Ihre Taschen und Oberteile sind handgemacht, den Stoff bezieht sie aus Ghana. „Der heißt Knte und wird dort traditionell auf Festlichkeiten getragen“, erzählt sie. Serwaah verarbeitet ihn zu Taschen und Tops. Einen eigenen Shop in Frankfurt hat sie noch nicht.
Ein paar Kleiderstangen weiter wird Wiederverwendung beinahe zur Weltreise. Antonia, die in Frankfurt lebt, verkauft Vintage und Second Hand aus unterschiedlichen Quellen. Stücke stammen von Reisen in die USA, von Freunden und Familie. Als ein Freund beim Aussortieren traditionelle Kleidung wegwerfen wollte, war sie entschlossen, „ihnen ein zweites Leben zu geben“. Sogar eine Jacke aus Hawaii ist dabei. Kleidung mit Biografie.
Gerade diese Mischung macht den Reiz aus: Was für den einen ausgedient hat, kann für den anderen zum neuen Lieblingsstück werden.
Einen einheitlichen „Frankfurt Style“ möchte Pitzer daraus nicht konstruieren: „Ich glaube, jeder, der sich in Frankfurt wohlfühlt und seinen Style hat, ist Frankfurt Style.“
Sieben Euro kostete der Eintritt, dafür konnten die Besucher auch sämtliche Ausstellungen des Museums besichtigen. Ein charmanter Tausch: Wer wegen eines Kleides kommt, entdeckt womöglich die Kunst. Und wer wegen der Kunst kommt, geht vielleicht mit einer Handtasche nach Hause.
Veröffentlicht am 8. September 2026 in Frankfurter Neue Presse
