Im Kunstherbst wird aus Frankfurt eine Galerie: 34 Kunsthäuser, 11 Offspaces und 3 Stiftungen eröffnen ihre Ausstellungen

Gallery Weekend Saisonstart © Paul Kremershof –Urban Media Project
Gallery Weekend Saisonstart
© Paul Kremershof –Urban Media Project

Frankfurt eröffnet den Herbst mit Kunst. Drei Tage lang wird die Mainmetropole zum Parcours der Entdeckungen. In White Cubes, hinter historischen Fassaden und in ehemaligen Industriegebäuden wird geschaut, diskutiert und gestritten. Künstler treffen auf Sammler, Studierende auf Flaneure. Genau diese Mischung macht seit mehr als drei Jahrzehnten den Reiz des Frankfurter Gallery Weekend Saisonstarts aus.

Vom 4. bis 6. September geht das Format in seine 32. Ausgabe. 34 Galerien, elf Offspaces und drei Stiftungen eröffnen ihre Ausstellungen, rund 10.000 Besucher werden erwartet. „Die Frankfurter Kunstszene ist vielfältiger, internationaler und experimentierfreudiger geworden“, sagt Organisator Paul Kremershof von Urban Media. Tatsächlich lässt sich kaum eine dominierende Richtung ausmachen. Es geht um Herkunft und Erinnerung, Material und Handwerk, digitale Identität und gesellschaftlichen Wandel.

Die Galerie Hanna Bekker vom Rath zeigt mit Wolfgang Oppermann, genannt WOPP, einen Künstler, der seit den siebziger Jahren Begriffe, Codes und Rituale der Kunst in reduzierte Bildzeichen überführte und die Sprache des Kunstsystems spielerisch ironisch befragte. Parallel präsentiert saasfee Arbeiten von Anna Oppermann, deren raumgreifende ‚Ensembles‘ aus Bildern, Texten, Fotografien und Fundstücken den künstlerischen Denkprozess selbst zum Werk machten.

Hendrik Zimmer: Soft Mechanic 2025 100 x 100 cm, woodcut on canvas painters frame Foto: Wolfgang Günzel, Offenbach am Main
Hendrik Zimmer: Soft Mechanic 2025
100 x 100 cm, woodcut on canvas painters frame
Foto: Wolfgang Günzel, Offenbach am Main

Wie Herkunft Kunst prägen kann, zeigt die galerie . mühlfeld + stohrer. „Vater – Mutter – Kind“ versammelt drei Generationen einer Künstlerfamilie. Georg Schnitzlers großformatige Malereien und Zeichnungen männlicher Figuren treffen auf Werke seiner Mutter Christel Schnitzler Steinbach und seines Großvaters Gerhard Steinbach. Keine Familienretrospektive, sondern eine Spurensuche nach künstlerischer Herkunft.
Bei Heike Strelow wird das Material selbst zum Akteur. Hendrik Zimmer arbeitet mit Holzschnitt, Weberei und Glas und lässt Maserungen, Druckspuren und textile Strukturen sichtbar. „Er lässt dem Material seine Eigenheiten, seine Widerstände und Zufälle. Genau darin liegt für mich die Ehrlichkeit und Schönheit seiner Arbeiten“, sagt die Galeristin. Bei Schlieder Contemporary wiederum fügt Hilde Trip Federn, Samen, Blätter und Blüten zu stillen Kompositionen über Vergänglichkeit und Bewahrung.
Mit „UNBOTHERED?!“ richtet Greulich den Blick auf die Generation Z. Fünf junge Künstlerinnen bewegen sich zwischen Selbstbefragung, Weltschmerz und digitaler Überforderung. Elisa Deutloff und Chelsea Hartmann untersuchen in einer Videoarbeit, was geschieht, wenn das eigene Gesicht im Zeitalter künstlicher Intelligenz zur verwertbaren Ressource wird.
Bernhard Knaus Fine Art präsentiert Mark Francis, dessen großformatige Gemälde aus Farbe, Rhythmus und Struktur Wahrnehmung selbst zum Gegenstand machen. Die Leica Galerie richtet mit „Frankfurt Music City“ die Kamera auf Musiker und Schauplätze der lokalen Musikgeschichte.

Und weil Frankfurt bei aller Internationalität gern Frankfurt bleibt, kommt auch der Bembel zu höheren Weihen. „Malum. Veritas.“ bei Hübner + Hübner widmet sich der Apfelweinkultur. Geripptes, Handkäs und Äppelwoi finden Eingang in Malerei, Zeichnung, Radierung, Objekt und Installation. Der Bembel hat es damit endgültig in den Kunstherbst geschafft.

Für Orientierung bei der Kunstfülle sorgen 30 Art Walks. Ein Drittel wird auf Englisch angeboten, was in einer internationalen Stadt weniger Zugeständnis als Selbstverständlichkeit sein sollte.

Neu sind dieses Mal die von dem britisch deutschen Musiker Timothy Roth kuratierten Art.Street.Concerts. Drei Open Air Konzerte in Altstadt, Innenstadt und Westend erweitern den Galerienparcours um Jazz, Klassik und elektronische Klänge. „Wir möchten den Auftakt der Kunstsaison gemeinsam feiern“, sagt Kremershof. „Mit den Konzerten schaffen wir eine neue Atmosphäre und möchten zugleich noch mehr junge Menschen für die Frankfurter Galerien begeistern.“

Wei Zhu: Finally I Lost You, I Mean You 150 x 120 cm, Öl auf Leinwand 2025
Wei Zhu: Finally I Lost You, I Mean You
150 x 120 cm, Öl auf Leinwand 2025

Wer versucht, an drei Tagen alles zu sehen, wird scheitern. Zum Glück. Denn der Reiz dieses Wochenendes liegt nicht in der Vollständigkeit, sondern in der Entdeckung. Hinter der nächsten Tür wartet vielleicht ein Bild, ein Objekt, eine Idee, an der man eigentlich vorbeigehen wollte und dann doch hängen bleibt.

Text von Edda Rössler