Wo es Frankfurt zum Mitnehmen gibt

Der Mediengestalter Wojtek Sitarski verbindet in „Gude Art“ alte und neue Frankfurt-Ansichten

Pferdefuhrwerk trifft Hochhaus: In den sogenannten Zeitreise-Motiven begegnen sich das Frankfurt von gestern und die Metropole von heute auf überraschend harmonische Weise. Gude Art Wojtek Sitarski Foto: Edda Rössler
Pferdefuhrwerk trifft Hochhaus: In den sogenannten Zeitreise-Motiven begegnen sich das Frankfurt von gestern und die Metropole von heute auf überraschend harmonische Weise.
Gude Art Wojtek Sitarski
Foto: Edda Rössler

Manchmal entstehen die besten Geschäftsideen nicht im Gründerzentrum, sondern im heimischen Wohnzimmer. Bei Wojtek Sitarski war es ein altes Fotoarchiv auf dem Computer. Heute verkauft er unter dem Label „Gude Art“ Stadtansichten zwischen Fotografie, Grafikdesign, Zeitreise und Liebeserklärung an Frankfurt. Bald sollen die Werke sogar in den Hessen-Shops erhältlich sein. Derzeit werden sie vor allem über die Website vertrieben.

Der Name ist Programm. „Gude“ als Frankfurts bekannteste Begrüßung, kombiniert mit „Art“. Fertig ist die Marke. „Ich sehe mich gar nicht als Künstler“, sagt Sitarski. „Ich bin jemand, der gestalten kann und Frankfurt-Fan ist.“ Tatsächlich versteht sich der gebürtige Pole weniger als Fotograf denn als Vermittler zwischen einer Stadt und den Menschen, die in ihr leben.

Begonnen hat alles vor mehr als 20 Jahren. Für seine Abschlussarbeit als Mediengestalter recherchierte Sitarski im Institut für Stadtgeschichte historische Fotografien Frankfurts. Die Bilder verschwanden zunächst auf der Festplatte. Jahre später entdeckte er sie wieder, kombinierte historische Aufnahmen mit aktuellen Stadtansichten und entwickelte daraus seine ersten Werke. Freunde waren begeistert. Aus Geschenken wurden Bestellungen, aus einer Idee ein kleines Unternehmen.
Heute hängen seine Arbeiten in Kanzleien, Banken, Arztpraxen und Privatwohnungen. Besonders beliebt sind Motive, die Frankfurt von gestern und heute in einem einzigen Bild verschmelzen lassen. „Die Menschen bleiben stehen, schauen zwei- oder dreimal hin und merken erst dann, dass dort zwei Epochen miteinander verschmolzen sind“, erzählt Sitarski. Manche Kunden berichteten sogar, sie könnten beim Betrachten „die Geräusche von damals hören“.

Frankfurt-Versteher mit Grafiktablett: Wojtek Sitarski verwandelt historische Fotografien, Stadtansichten und Frankfurter Eigenheiten in originelle Bildwelten zwischen Zeitreise und Pop-Art. Gude Art Wojtek Sitarski Foto: Edda Rössler
Frankfurt-Versteher mit Grafiktablett: Wojtek Sitarski verwandelt historische Fotografien, Stadtansichten und Frankfurter Eigenheiten in originelle Bildwelten zwischen Zeitreise und Pop-Art.
Gude Art Wojtek Sitarski
Foto: Edda Rössler

Wer vor der Vitrine in der Konrad-Adenauer-Straße 15 stehen bleibt, versteht schnell, warum das Konzept funktioniert. Sitarski zeigt Frankfurt nicht nur, er spielt mit der Stadt. Seine Bilder leben von Verfremdungen, Übertreibungen und einer gehörigen Portion Humor. Besonders deutlich wird das bei seinen Goethe-Motiven. Da sitzt der Dichterfürst plötzlich im Trikot der Frankfurter Eintracht vor der Skyline, eine Getränkedose in der Hand, über ihm kreist ein Adler.

Mit Kopfhörern vor Skyline und Waldstadion verwandelt er Frankfurts berühmtesten Mundartdichter Friedrich Stoltze in eine Pop-Art-Hommage voller Heimatstolz, Humor und Großstadtflair. Die Verballhornung geschieht dabei nie respektlos, sondern mit jener Mischung aus Ironie und Zuneigung, die guter Lokalkolorit braucht.

Der beliebte Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze (mit Kopfhörern in der Vitrine) als urbaner Zeitgenosse. Die Motive von Wojtek Sitarski und verbinden Geschichte mit Gegenwartskultur. Gude Art Wojtek Sitarski Foto: Edda Rössler
Der beliebte Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze (mit Kopfhörern in der Vitrine) als urbaner Zeitgenosse. Die Motive von Wojtek Sitarski und verbinden Geschichte mit Gegenwartskultur.
Gude Art Wojtek Sitarski
Foto: Edda Rössler

Auch die berühmte Frankfurter Grüne Soße bleibt von Sitarskis Fantasie nicht verschont. Die sieben Kräuter stecken plötzlich in einer Zigarettenschachtel mit der Aufschrift „Grie Soß“. Die Nationalspeise wird zum Kultobjekt des Alltags. Man schmunzelt und erkennt doch sofort, worum es geht.

Selbst die Architektur wird bei ihm zum Spielplatz. Seine farbintensive Interpretation der Mainzer Landstraße verwandelt das Bankenviertel in ein kaleidoskopartiges Geflecht aus leuchtenden Farbflächen. Die Hochhäuser wirken wie Bauklötze einer futuristischen Metropole. Die Inspiration dazu kam Sitarski ausgerechnet im morgendlichen Stau. „Diese Perspektive sehe ich jeden Morgen“, sagt er lachend.

Daneben stehen die sogenannten Zeitreise-Bilder. Historische Straßenszenen gehen nahtlos in die heutige Skyline über. Pferdefuhrwerke treffen auf Hochhäuser, Dampfschiffe auf Glasfassaden, Kaiserzeit auf Globalisierung. Frankfurt erscheint darin nicht als museales Relikt, sondern als Stadt in permanenter Bewegung.
Auffällig ist der positive Blick auf die Mainmetropole. Während viele Debatten von Wohnungsnot, Verkehr oder Bahnhofsviertel geprägt werden, setzt Sitarski bewusst auf die freundlichen Seiten der Stadt. „Ich versuche immer, das Positive zu sehen“, sagt er.

Vielleicht liegt genau darin der Erfolg. Frankfurt kennt genügend Menschen, die über die Stadt schimpfen. Sitarski gehört zu jenen, die ihre Eigenheiten feiern. Die Gegensätze zwischen Bankentürmen und Altstadt, Weltstadt und Dorfgefühl. Seine Käufer reichen von Studenten bis zu Bankmanagern. Angeboten werden Poster ebenso wie hochwertige Fine-Art-Prints hinter Museumsglas.

Ab Sommer sind die Fotos dann auch in den Hessenshops erhältlich. Für Sitarski ist das weniger ein Businessplan als die Fortsetzung einer Leidenschaft. Sein Traum? Ein eigener kleiner Laden. Ein Ort, an dem Menschen stehen bleiben, schmunzeln und ihre Stadt neu entdecken.

Und vielleicht gilt dann für noch mehr Betrachter jener Satz, den Frankfurter seit Generationen mit einem Augenzwinkern zitieren: „Wie kann nur e Mensch net von Frankfurt sei?“ Wer vor Sitarskis Eintracht-Goethe, seiner „Grie Soß“-Schachtel oder den Zeitreisen zwischen Kaiserzeit und Skyline steht, könnte zumindest kurz versucht sein, die Frage genauso zu stellen.

Weitere Infos gudeart.de

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 3. Juli 2026 in Frankfurter Neue Presse