Im Sog der Spiegelungen

Renata Tumarovas neue Ausstellung „Splash“ führt von figurativer Wasserpoesie bis an die Grenze zur Abstraktion

Renata Tumarova (links) und Galeristin Barbara von Stechow vor dem Werk „Twins“ aus der Ausstellung „Splash“, in dem Lichtreflexe, Wasserflächen und flüchtige Figuren zu vibrierenden Erinnerungsräumen verschmelzen. Foto: Edda Rössler
Renata Tumarova (links) und Galeristin Barbara von Stechow vor dem Werk „Twins“ aus der Ausstellung „Splash“, in dem Lichtreflexe, Wasserflächen und flüchtige Figuren zu vibrierenden Erinnerungsräumen verschmelzen.
Foto: Edda Rössler

Wer derzeit die Frankfurter Galerie Barbara von Stechow betritt, landet mitten im Sommer. Nicht meteorologisch, sondern atmosphärisch. Licht flimmert über Wasseroberflächen, Kinder springen durch die Gischt, Spiegelungen zerfließen in vibrierende Farbfelder. „Splash“ heißt die neue Ausstellung der Malerin Renata Tumarova, und selten hat ein Titel eine Schau treffender beschrieben. Schon nach wenigen Minuten glaubt man fast, Chlor zu riechen oder das helle Nachmittagslicht eines endlosen Ferientages auf der Haut zu spüren.

Dabei geraten die Figuren nie ganz ins Zentrum. Sie tauchen auf, verschwimmen wieder, lösen sich im flirrenden Bildraum beinahe auf. Genau dort beginnt die eigentliche Raffinesse dieser Malerei.
Auf den ersten Blick könnte man Tumarovas Arbeiten irgendwo zwischen Claude Monet und Georges Seurat verorten. Da ist dieses impressionistische Interesse am atmosphärischen Augenblick, am flüchtigen Lichtreiz und an der optischen Instabilität des Sehens. Zugleich besitzen viele ihrer Leinwände jene beinahe pointillistische Auflösung der Fläche, bei der Farbpunkte und Reflexe ein vibrierendes Eigenleben entwickeln. Doch während Monet das Licht feierte und Seurat es analytisch sezierte, interessiert Tumarova etwas anderes: die emotionale Nachwirkung eines Moments.

Ihre Bilder sind keine bloßen Feierlichkeiten des Sommers. Unter der Oberfläche liegt stets eine leise Melancholie. Der Augenblick wird nicht nur festgehalten, sondern zugleich bereits als vergangen empfunden. Vielleicht wirken diese Wasserlandschaften deshalb oft wie Erinnerungen an Erinnerungen. Man spürt darin das Davor und Danach. Den Sprung ins Wasser ebenso wie das spätere Verstummen des Tages.
Gerade darin liegt die eigentliche Qualität dieser Arbeiten. Sie sind verspielt, ohne oberflächlich zu sein. Spielerische Ansätze, die plötzlich in die Tiefe führen.

„Wasser ist für mich etwas sehr Wichtiges“, sagt die Künstlerin lachend. „Ich bin ehrlich gesagt ein totaler Wasserfan.“ Wasser wird bei ihr allerdings weit mehr als bloßes Motiv. Es reflektiert, verzerrt, verschluckt und entmaterialisiert die Wirklichkeit. Menschen tauchen auf und lösen sich wieder auf. Genau diese Übergänge interessieren sie zunehmend. „Das wird immer undeutlicher“, sagt Tumarova über ihre neueren Arbeiten. „Und da kommt diese schrittweise Richtung zur Abstraktion.“
Besonders spannend wird es dort, wo die Figuren fast verschwinden und nur noch als Spiegelung, Lichtbruch oder Farbschatten auftauchen.
Gerade die neueren Werke besitzen eine eigentümliche Offenheit. Man schaut hinein wie in Wasserflächen, die ständig ihr Gesicht verändern.

Dass Renata Tumarova technisch derart souverän mit dieser Auflösung umgehen kann, hat viel mit ihrer Biografie zu tun. Die 1979 in Sankt Petersburg geborene Künstlerin erhielt zunächst eine klassische akademische Ausbildung an der dortigen Kunstakademie, bevor sie später an die Berliner UdK wechselte und unter anderem bei K. H. Hödicke und Valerie Favrè studierte. Zwei Welten prallten aufeinander. Hier die russische Schule mit ihrer handwerklichen Disziplin, dort die Berliner Freiheit der Malerei. „In Petersburg lernt man das Handwerkliche, die klassische Malerei“, erzählt sie. „In Berlin war alles frei.“ Genau aus dieser produktiven Reibung speist sich heute ihre Bildsprache. Tumarova malt ohne Vorzeichnung direkt auf die Leinwand, arbeitet mit dünnen Farbschichten, gießt, verwischt, spachtelt und löst Formen wieder auf. „Das ist immer ein Prozess“, sagt sie. „Manchmal zehn Schichten.“

Auch formal bleibt die Ausstellung abwechslungsreich. Die Leinwände reichen vom klassischen Rechteck bis hin zu strengen quadratischen Formaten, die Tumarova besonders schätzt. „Ich kann da viel machen“, sagt sie lakonisch über das Quadrat. Galeristin Barbara von Stechow ergänzt schmunzelnd: „Das Quadrat ist an sich eine langweilige Form. Aber die Figuren und die Anordnung kommen darin besonders gut zur Geltung.“ Tatsächlich entwickeln gerade diese quadratischen Arbeiten eine eigentümliche Spannung zwischen Ruhe und Bewegung.
Das Ergebnis besitzt insgesamt eine erstaunliche Leichtigkeit. Manche Bilder wirken fast wie Aquarelle, obwohl sie in Öl gemalt sind. Andere kippen bereits weit in die Abstraktion hinein. Ihr Ausdruck reicht mühelos von figurativen Ansätzen bis zu nahezu ungegenständlichen Spiegelungslandschaften.

Genau diese Entwicklung begeistert auch Galeristin Barbara von Stechow, die Renata Tumarova nun offiziell neu vertritt. Beide kennen sich bereits seit Jahren, unter anderem durch gemeinsame Messeauftritte in Miami. „Renata ist für uns wirklich eine echte Bereicherung im Programm“, sagt die Galeristin. Besonders fasziniert sie die Verbindung aus Leichtigkeit und Tiefe. „Menschen wollen Kraft schöpfen. Und ich glaube, dass ihre Arbeiten genau dazu anregen.“
Dass das Publikum ähnlich empfindet, zeigt sich erstaunlich schnell. Bereits wenige Tage nach Eröffnung waren über fünfzig Prozent der Werke verkauft. Insgesamt sind rund 20 Arbeiten zu sehen, darunter großformatige Leinwände wie „Splash“ oder „The Watchers“ sowie die neueren „Liquid Reflection“-Bilder, in denen sich Wasseroberflächen zunehmend in reine Farbbewegung verwandeln.

Und tatsächlich passiert innerhalb dieser scheinbar ruhigen Flächen erstaunlich viel. Licht flackert, Figuren verschwimmen, Wasser wächst über die Bildgrenzen hinaus. Die Leinwand wird bei Tumarova weniger zum Bildträger als zu einem Resonanzraum für Erinnerung, Bewegung und Wahrnehmung.

Am Ende verlässt man die Ausstellung beinahe wie nach einem langen Tag am Meer. Etwas geblendet vom Licht. Etwas nachdenklicher als zuvor. Und mit dem Gefühl, dass sich diese Bilder nicht nur betrachten lassen, sondern sich langsam im eigenen Gedächtnis festsetzen wie Sonnenreflexe auf Wasser.

Die Ausstellung „Splash“ ist noch bis zum 28. Mai in der Galerie Barbara von Stechow zu sehen.

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 19. Mai 2026 in Frankfurter Neue Press