Das Beton ist vielfach preisgekrönt

Gebäude im Ostend wurde mit dem internationalen BIG SEE Architecture Award ausgezeichnet

Architektur als Haltung: Alexandra Geiseler, Ardi Goldman und Bernd Gergull vor „Das Beton“, jenem vielfach ausgezeichneten Frankfurter Neubau, der rohe Materialität mit urbaner Utopie verbindet. Foto: Edda Rössler
Architektur als Haltung: Alexandra Geiseler, Ardi Goldman und Bernd Gergull vor „Das Beton“, jenem vielfach ausgezeichneten Frankfurter Neubau, der rohe Materialität mit urbaner Utopie verbindet.
Foto: Edda Rössler

Mit dem internationalen BIG SEE Architecture Award wurde jüngst ein Gebäude ausgezeichnet, das sich bewusst gegen die Routinen zeitgenössischer Büroarchitektur stellt: „Das Beton“ im Frankfurter Ostend. Der von Ardi Goldman gemeinsam mit gga architekten realisierte Neubau an der Hanauer Landstraße 136 verbindet radikale Materialehrlichkeit, monolithische Bauweise und Kunst am Bau zu einem eigenständigen architektonischen Statement. Statt glatter Investorenästhetik setzt das Haus auf rohe Sichtbetonflächen, Dauerhaftigkeit und urbane Identität. Bereits zuvor war das Gebäude unter anderem mit dem German Design Award 2025 als „Winner“ in der Kategorie „Excellent Architecture“ ausgezeichnet worden und schaffte es zudem auf die Longlist des DAM Preises 2025 mit den 100 wichtigsten Architekturprojekten Deutschlands.

Errichtet wurde der Bau von Ardi Goldman, dem schillernden Frankfurter Bauherrn, Stadterfinder und Kulturunternehmer, der das Ostend seit Jahrzehnten prägt. Mit Projekten wie dem Union Gelände schrieb Goldman der Hanauer Landstraße früh jene Mischung aus rauer Urbanität, Kunst und improvisierter Eleganz ein, die heute vielerorts als „Placemaking“ vermarktet wird. Goldman selbst spricht lieber von Verantwortung: „Ich habe nie gebaut, um zu verkaufen. Ich habe gebaut, um zu bleiben.“

Schon von außen wirkt „Das Beton“ wie ein gebautes Manifest gegen die Beliebigkeit heutiger Architektur. Der monolithische Baukörper aus Sichtbeton erhebt sich wie ein ruhiger Block im Hinterhof zwischen Bestandsgebäuden. Keine dekorative Fassade, keine glatte Investorenästhetik. Stattdessen grob strukturierter Leichtbeton mit sichtbarer Bretterschalung.

Die Architekten Alexandra Geiseler und Bernd Gergull von gga architekten entwickelten gemeinsam mit Goldman eine Architektur, die konsequent aus dem Material selbst gedacht ist. „Es ging darum, einen monolithischen Bau herzustellen, bei dem eine einzige Schicht alles kann: Statik, Dämmung, Witterungsschutz und zugleich die ästhetische Wirkung“, sagt Gergull.

Tatsächlich verzichtet das Gebäude vollständig auf zusätzliche Fassadendämmung. Die bis zu 71 Zentimeter starken Außenwände aus Leichtbeton erfüllen sämtliche energetischen Anforderungen allein durch ihre Materialität. Für die Architekten war dies eine bewusste Gegenposition zur üblichen Additionsarchitektur heutiger Bürohäuser.
„Jeder weiß inzwischen, wie man sechs Schichten aufeinander klebt“, sagt Geiseler. „Aber alles in einem Material zu lösen, ist wesentlich komplexer.“ Gerade diese Reduktion macht den Bau radikal. Nichts wird verkleidet oder kaschiert. Der Beton bleibt Beton, die Stahlgeländer bleiben unlackiert, selbst die Holzkonstruktion des Dachgeschosses sichtbar. Das Gebäude soll altern dürfen. Patina ist hier Teil des Konzepts.

Die Debatte um Nachhaltigkeit erscheint bei „Das Beton“ komplexer, als es die üblichen Schlagworte erlauben. Das begrünte Steildach verbessert das Mikroklima im dicht bebauten Lindley-Quartier, Luftwärmepumpen und Wärmerückgewinnung reduzieren den Energiebedarf. Gleichzeitig setzt Goldman auf Dauerhaftigkeit statt auf kurzlebige Effizienzversprechen. „Ich denke nicht über Abriss nach“, sagt er. „Ich denke über die Ewigkeit.“

Die Köpfe hinter „Das Beton“: Bernd Gergull, Alexandra Geiseler und Bauherr Ardi Goldman neben einer Skulptur von Klaus Prior im offenen Innenhof, wo Architektur, Kunst und Stadtleben bewusst ineinanderfließen. Foto: Edda Rössler
Die Köpfe hinter „Das Beton“: Bernd Gergull, Alexandra Geiseler und Bauherr Ardi Goldman neben einer Skulptur von Klaus Prior im offenen Innenhof, wo Architektur, Kunst und Stadtleben bewusst ineinanderfließen.
Foto: Edda Rössler

Die eigentliche Überraschung dieses Hauses liegt jedoch nicht im Beton, sondern in der Kunst. Denn während der Baukörper fast asketisch wirkt, explodieren an den Hoffassaden Farben, Figuren und abstrakte Formen. Verantwortlich dafür ist das Projekt „Wetopia. We paint the city“, für das zehn internationale Künstler insgesamt 14 großformatige Murals entwickelten. Mehr als 150 Farbtöne kamen dabei auf mehreren tausend Quadratmetern Wandfläche zum Einsatz. Entstanden ist eine urbane Kunstlandschaft, die bewusst als Gegenpol zur rohen Materialität des Sichtbetons gedacht wurde. Dabei geht es ausdrücklich nicht um dekorative Kunst am Bau. „Wir machen Kunst mit Bau“, sagt Goldman. Die Murals zeigen Figuren, Tiere, typografische Elemente und abstrakte Formen in leuchtenden Farben. Viele Arbeiten bewegen sich zwischen Street Art, Illustration und zeitgenössischer Wandmalerei. Der zuvor eher anonyme Hinterhof verwandelt sich dadurch in einen öffentlichen Stadtraum voller Energie und Offenheit.

Auch innen setzt sich dieser Gedanke fort. Die Loftflächen mit ihren Sichtbetonwänden, offenen Leitungsführungen und sichtbaren Dachkonstruktionen entfalten eine überraschende Wärme. Großzügige Räume ersetzen klassische Bürozellen, Tageslicht fällt tief in die Etagen.
Dass diese Architektur nicht nur ästhetisch funktioniert, sondern auch sozial, zeigt sich bei den Mietern. „Hier entsteht Kommunikation ganz automatisch“, sagt Andreas Bingemer, der mit seinem Unternehmen eingezogen ist. „Die Leute kommen wieder gerne ins Büro.“

Vielleicht erklärt genau das die Resonanz, die „Das Beton“ inzwischen hervorruft. Architekturstudenten, Fachleute und Bauherren pilgern ins Ostend, das Deutsche Architekturmuseum führte bereits Besuchergruppen durch das Haus. Dass der Bau inzwischen gleich mehrfach ausgezeichnet wurde – vom BIG SEE Architecture Award über den German Design Award bis zur Nominierung für den DAM Preis 2025 – erscheint deshalb fast folgerichtig. „Das Beton“ zeigt, dass anspruchsvolle Architektur nicht aus technologischer Überrüstung entstehen muss. Mitunter reicht ein radikales Vertrauen in Material, Handwerk und Zeit.

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht in Frankfurter Neue Presse am 19. Mai 2026