Die Welt nach Mango

Vierzehn Künstlerinnen und Künstler folgen den Spuren einer außergewöhnlichen Muse

Wenn die Mango zur Muse wird: Die Künstler Rainer Geburzyk, Brigitte Kottwitz und Barbara Ina Frenz im Ausstellungsraum Eulengasse. Foto: Edda Rössler
Wenn die Mango zur Muse wird: Die Künstler Rainer Geburzyk, Brigitte Kottwitz und Barbara Ina Frenz im Ausstellungsraum Eulengasse.
Foto: Edda Rössler

Manche Ausstellungen widmen sich den großen Fragen der Menschheit. Andere der Farbe Blau, der Landschaft oder der Abstraktion. Der Ausstellungsraum Eulengasse hat sich in diesem Sommer für eine Mango entschieden. Das mag zunächst nach einem harmlosen Obstsalat der Gegenwartskunst klingen. Doch wer „Ask the Mango“ besucht, merkt schnell: Diese Frucht hat einiges zu erzählen. Sie spricht über Sinnlichkeit und Erinnerung, über Globalisierung und Philosophie, über Herkunft und Identität. Vor allem aber stellt sie Fragen. Und das mit einer Beharrlichkeit, die selbst abgebrühten Museumsbesuchern Respekt abnötigen dürfte.

Ausgangspunkt des Projekts ist ein Gedanke der französischen Philosophin und Schriftstellerin Hélène Cixous, deren Essay „Vivre orange“ die sinnliche Erfahrung des Lebens gegen die Abstraktion des Denkens stellt. „Die Metapher führt weg vom Abstrakten, hin zum Leben, zum Hier und Jetzt“, sagt Initiatorin Barbara Ina Frenz. Aus dieser Inspiration entwickelte sich ein Ausstellungskonzept, das innerhalb des Kunstvereins über viele Monate diskutiert wurde. Die Mango hat in dieser Ausstellung die Rolle einer Muse übernommen. Dass sie dabei immer wieder als weibliche Frucht bezeichnet wird, dürfte sie mit jener Gelassenheit hinnehmen, die nur eine weltläufige Tropenfrucht entwickeln kann.

Die Schau vereint Werke von Elvira Lantenhammer, Katharina Tebbenhoff, Rosario Arostegui, Brigitte Kottwitz, Helmut Werres, Rainer Geburzyk, Thomas Rösch, Lilo Mangelsdorff, Paul Hirsch, Almut Aue, Barbara Ina Frenz, Martina Templin, Neckel Scholtus und Olena Kostiuk. Malerei, Fotografie, Objektkunst, Installation und Sprache begegnen sich dabei auf Augenhöhe.

Prägnant setzt Barbara Ina Frenz den gedanklichen Rahmen der Ausstellung. Ihre typografische Arbeit spielt mit den Begriffen „Verstehen“, „Verdecken“ und „Vergessen“. Die Buchstaben erscheinen zugleich geordnet und fragmentiert. Frenz interessiert weniger die Frucht selbst als die Frage, wie Wahrnehmung entsteht. Was sehen wir? Was erkennen wir? Und was übersehen wir? Die Mango wird hier zur philosophischen Denkfigur. Die Arbeit erinnert daran, dass jede Betrachtung bereits eine Interpretation ist.

Einen sinnlichen und zugleich gesellschaftskritischen Zugang verfolgt Brigitte Kottwitz. Ihre Installationen kombinieren keramische Schalen mit industriellen Kunststoffbechern und auch mit einem leuchtend orangefarbenen Tuch, das an Indien erinnern soll. Die handwerklich gefertigten Keramiken scheinen auf den Wegwerfprodukten zu balancieren. „Ich wollte die Keramik retten vor dem Kunststoff, der dann in die Welt kam“, sagt die Künstlerin. Die Mango erscheint dabei als ebenso schöne wie widerspenstige Figur. Kottwitz bezeichnet sie augenzwinkernd als „weibliche Frucht“: sinnlich, aber keineswegs gefällig. „Die Mango ist rebellisch. Sie hat einen dicken Kern, der steht einem im Weg.“ Hinter dem Humor verbirgt sich eine Reflexion über globale Produktionsbedingungen, Konsum und Wertschätzung handwerklicher Arbeit.

Einen politischen Resonanzraum eröffnet Rainer Geburzyk mit seiner Arbeit „Ich denke an Bolivien IV“. Unter einem tiefen Kobaltblau breitet sich eine expressive Landschaft aus Rot-, Violett- und Schwarztönen aus. Das Gemälde entstand 1994 nach einer Reise durch Bolivien und wurde für die Ausstellung wieder aufgegriffen. „Das Jahresthema stand, und plötzlich erinnerte ich mich an dieses Bild“, erzählt der Künstler. Die Arbeit verweist auf die Landschaften Boliviens ebenso wie auf dessen koloniale Vergangenheit und die bis heute spürbaren sozialen Konflikte. Die Mango wird hier zum Symbol des globalen Südens und öffnet den Blick auf historische und wirtschaftliche Zusammenhänge.

Auch die übrigen Positionen zeigen, wie vielfältig die Mango gelesen werden kann. Manche Künstler interessieren sich für ihre Form, andere für ihre Farbe, ihre Herkunft oder ihre symbolische Aufladung. Fotografische Serien, poetische Objekte und malerische Transformationen machen deutlich, wie produktiv ein scheinbar alltäglicher Gegenstand werden kann.

Was würde die Mango dazu sagen? Mag sein, dass sie über manche Deutung schmunzeln würde, schließlich wird sie hier zur Feministin, Globalisierungskritikerin, Muse und Historikerin. Für eine Frucht ist das allerdings ein beachtlicher Karriereweg.

Weitere Informationen unter www.eulengasse.de
Noch bis zum 5. Juli 2026

Text und Foto von Edda Rössler