
Foto: Edda Rössler
Wer in der Ausstellung „Layers“ nach grellen Farben, Pop-Art-Referenzen oder dekorativer Wohlfühlkunst sucht, wird enttäuscht. Die acht jungen Künstler, die derzeit im Frankfurter Artspace eo ausstellen, interessieren sich für etwas anderes: für das, was unter der Oberfläche liegt. Ihre Arbeiten graben sich in Erinnerungen, Beziehungen, gesellschaftliche Strukturen und politische Erfahrungen hinein. Sie legen Schicht um Schicht frei, wie Archäologen einer Gegenwart, die oft komplexer ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Eindrucksvoll zeigt das Hannah Reiter. Die Studentin der Hochschule für Gestaltung Offenbach steht zu Beginn der Ausstellung gewissermaßen selbst im Zentrum einer Geschichte, die schließlich zur Kunst wurde. Ausgangspunkt ihrer Installation war ein Vorfall, bei dem sie sich schützend vor ihre jüngere Schwester stellte und dabei auf Gleichgültigkeit und mangelnde Unterstützung traf. Erst eine Freundin half ihr, die Situation zu bewältigen. „Mutig sein ist wichtig, aber wir sind nicht allein mit diesem Gefühl“, sagt Reiter.
Aus dieser Erfahrung entstand ihre Arbeit „Stell dir vor“. 104 schwarze Keramikfische lagern dicht nebeneinander am Boden. Jeder einzelne basiert auf derselben Form, dennoch entsteht der Eindruck eines lebendigen Kollektivs. Die Fische scheinen einander zu stützen, sich gegenseitig Halt zu geben. Die Installation wird zur Metapher für Solidarität, gemeinsames Handeln und die Erkenntnis, dass Stärke oft dort entsteht, wo Menschen sich gegenseitig tragen.
Mit dieser Haltung trifft Reiter den Kern von „Layers“. Die Ausstellung bringt acht Positionen zusammen, die zwar aus unterschiedlichen Hochschulkontexten stammen, aber überraschend ähnliche Fragen stellen. Neben Studierenden der Hochschule für Gestaltung Offenbach sind auch Künstler der Städelschule Frankfurt sowie der Kunstakademie Düsseldorf vertreten. Auffällig ist dabei die formale Zurückhaltung. Fast alle Arbeiten bewegen sich in einem überwiegend monochromen Spektrum. Schwarz, Grau, Braun und erdige Töne dominieren. Keramik, Wachs, Kohle, Holz und Stoff prägen die Ausstellung. Statt auf dekorative Effekte setzen die Künstler auf Verdichtung. Die Werke verlangen Aufmerksamkeit und langsames Sehen.
So rekonstruiert Alisa Kulish keramische Raketenfragmente und untersucht, wie Kriegserfahrungen, Migration und mediale Bilder in das kollektive Gedächtnis eindringen. Anna Bochkova verbindet in ihrer Arbeit „Liquid Base“ Architekturutopien Bruno Tauts mit persönlichen Erinnerungen und theoretischen Überlegungen von Marshall McLuhan und Vilém Flusser. Maria Pfrommers „Mantel mit Stauraum“ fragt nach dem Verborgenen und den Dingen, die gesellschaftlich keinen sichtbaren Platz erhalten.
Sonja Drolma Herrmann entwickelt aus Ursula K. Le Guins Tragetaschentheorie eine bemerkenswerte Neubewertung des Gefäßes als Träger von Geschichten und Beziehungen. Tobias Krämer verwandelt ausrangiertes Parkett in einen skulpturalen Lautsprecher, dessen Klang zwischen Technobeat und organischer Geräuschkulisse oszilliert. Seongbin Ma verbindet Erinnerungen an seine Kindheit in Südkorea mit seinem Leben in Deutschland. Nikolay Petrov untersucht in seinen Kohlearbeiten Nähe und zwischenmenschliche Beziehungen.
Trotz der unterschiedlichen Positionen wirkt die Ausstellung erstaunlich geschlossen. Die Arbeiten sprechen miteinander. Sie erzählen von Erinnerung und Verletzlichkeit, von Schutz und Verlust, von Sichtbarkeit und Verbergen. So entsteht ein nachhaltiger Ausstellungsparcours.
Schicht für Schicht eröffnet er neue Perspektiven auf eine Wirklichkeit, die unter der Oberfläche oft erst beginnt.
Noch bis 28. Juni, Hermannstraße 41, Nordend
Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 24. Juni 2026 in Frankfurter Neue Presse
