Die Ausstellungshalle 1A zeigt Collard und Grosz im Dialog über das Flüchtige

Foto: Edda Rössler
Was geschieht, wenn zwei Künstler, die sich seit mehr als zwanzig Jahren kennen, ihre Arbeiten erstmals in einen gemeinsamen Dialog stellen? Die AusstellungsHalle 1A liefert mit der Show „Slipping glimpses“ eine überzeugende Antwort. Die Frankfurter Malerin E. M. C. Collard und der britische Künstler Michael Groz begegnen einander hier als zwei Positionen, die aus unterschiedlichen Richtungen auf dieselbe Frage zusteuern: Wie lässt sich das Flüchtige sichtbar machen? Der Titel verweist auf Willem de Koonings Idee des „abrutschenden Beobachters“ – jenes Moments, in dem Wahrnehmung ihre Gewissheiten verliert und neue Bilder entstehen. Genau dort setzt diese Ausstellung an.
Collard, die an der Slade School und am Royal College of Art in London studierte, entwickelt ihre Gemälde aus imaginierten Naturformen. Blüten, Knospen und organische Gebilde erscheinen wie Wesen zwischen Botanik und Psychologie. Dabei geht es ihr ausdrücklich nicht um naturgetreue Abbildung. „Es geht mir nicht primär darum, ein Foto abzumalen“, sagt sie. Vielmehr entstehen ihre Pflanzenformen aus Erinnerung, Fantasie und malerischer Konstruktion. Besonders eindrucksvoll sind ihre großformatigen Blumenbilder, deren silbrig-graue oder violette Formen aus dem Bildgrund hervorzutreten scheinen. Die Oberflächen leuchten, ohne dekorativ zu wirken. Collards Malerei bewegt sich zwischen Verführung und Irritation, zwischen barocker Sinnlichkeit und analytischer Distanz.
Michael Groz nähert sich der Welt von der entgegengesetzten Seite. Der 1950 in London geborene Künstler, der Philosophie studierte, für die BBC arbeitete und später an Institutionen wie der Tate und der Royal Academy Schools lehrte, beginnt seine Bildfindung fast immer mit der Zeichnung. Seine Tuschearbeiten gehören zu den stärksten Momenten der Ausstellung. Mit pointillistischer Präzision verdichten sie Beobachtungen von Menschen, Tieren oder Landschaften zu rätselhaften Erscheinungen. Auch seine Malerei bleibt dem Suchenden verpflichtet. Das großformatige Ölgemälde „Landscape with Beach“ entfaltet eine Landschaft, die gleichermaßen real und imaginiert erscheint. Küstenlinien und Vegetation lösen sich in vibrierende Farbschichten auf.
Groz beschreibt seine Arbeit als Versuch, eine Atmosphäre festzuhalten, während sie bereits zur Erinnerung wird.
Besonders reizvoll ist „The Landed Andrews“, eine freie Anspielung auf die englische Porträttradition. Die aristokratischen Figuren erscheinen nicht als historische Zitate, sondern als geisterhafte Bewohner einer Landschaft, die ihre Stabilität verloren hat.
Gerade in der Differenz liegt die Stärke der Ausstellung. Collard zoomt in die Welt hinein, Groz zoomt heraus. Sie arbeitet präzise und kontrolliert, er lässt Formen zerfließen und offen. „Ich bin sehr fertig und präzise, seine Arbeiten sind viel freier“, beschreibt Collard den Unterschied. Gleichzeitig betonen beide, wie erstaunlich gut die Werke miteinander korrespondieren. Blumen, Insekten und Landschaften bilden gemeinsame Bezugspunkte. Die Gegensätze erweisen sich als komplementär.
Dass Groz’ Werke überhaupt nach Frankfurt gelangen konnten, ist inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Brexit hat den internationalen Kunstverkehr spürbar erschwert. Für die Ausstellung waren temporäre Ausfuhrgenehmigungen nötig; selbst ein möglicher Verkauf würde neue Zollformalitäten auslösen. „Die Arbeiten müssen genau so zurück nach England, wie sie herausgekommen sind“, berichtet der Künstler.
Umso erfreulicher ist es, dass die Ausstellungshalle 1A diesen grenzüberschreitenden Dialog ermöglicht. Ausstellungsmacher Robert Bock möchte die internationale Ausrichtung des Hauses fortsetzen und weiterhin Begegnungen zwischen deutschen und ausländischen Künstlern ermöglichen.
Noch bis zum 14. Juni in der Ausstellungshalle www.ausstellungshalle.info
Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 6. Juni in Frankfurter Neue Presse
