
Foto: Edda Rössler
Es gibt ein Blau, das nach Wasser aussieht, eines, das an einen wolkenlosen Himmel denken lässt, und ein Rot, das die Hitze eines Augusttages zu speichern scheint. In der Galerie Heike Strelow ist der Sommer derzeit weniger Jahreszeit als Farbraum. „Hidden Treasures & New Arrivals – A Summer Selection“ heißt die Schau, die noch bis zum 29. August einen Einblick in die Vielfalt der künstlerischen Positionen der Galerie gibt. Vertreten sind Nadja Adelmann, Nicole Ahland, Felix Becker, Isabelle Borges, Artjom Chepovetskyy, Goekhan Erdogan, Irene Hardjanegara, Mathias Kessler, Ulf Puder, José Vivenes und Herbert Warmuth. Licht, Wärme und flüchtige Momente der Schönheit verbinden die höchst unterschiedlichen Arbeiten zu einer sommerlichen Dramaturgie.
Rund 28 Werke hat Galeristin Heike Strelow zu einer luftigen Choreografie aus Malerei, Fotografie und Objektkunst zusammengestellt. Strenge Konzeption trifft auf sinnliche Opulenz.
Wie lustvoll das sein kann, zeigt etwa Isabelle Borges. Rot fließt ins Orange, dunklere Partien geben Halt, feinste Abstufungen erzeugen räumliche Tiefe. Das Werk bewege sich zwischen konzeptueller Malerei und sinnlicher Erfahrung, sagt Strelow: „Sie bietet ja was für die Sinne.“
Leiser agiert Nicole Ahland mit ihren analogen Fotografien. Sie wartet auf jenen Augenblick, in dem Licht und Architektur eine eigene Wirklichkeit bilden. Ein Violett erhält etwas Sakrales, „etwas Mystisches“, wie Strelow sagt. Nadja Adelmann bringt Bewegung ins Spiel. Plexiglas, Farbverlauf und ein leichter Carbonstab finden zu einem fragilen Gleichgewicht, das schon ein Luftzug in kaum merkliche Schwingungen versetzt.
Fast meditativ wirken Felix Beckers monochrom anmutende Arbeiten, deren Farbigkeit sich erst allmählich preisgibt. Je länger der Blick verweilt, desto mehr Töne treten hervor. Bei Ulf Puder wiederum wird Landschaft zur Erinnerung. Sein „Schloss Unterach am Attersee“ steht mit seinen geometrisch zugespitzten Formen eigentümlich entrückt vor dunklem Grund. Architektur wird zur Kulisse, Landschaft zur Ahnung.
Bei José Vivenes kippt die Wirklichkeit ins Fantastische. In „El álbum del ciego“ zieht sich eine nächtliche Stadtlandschaft unter dramatisch aufgewühltem Himmel am Wasser entlang. Seine Welt scheint den Gesetzen des Realen nur noch bedingt zu gehorchen, wie eine Erinnerung, die sich im Traum verselbständigt hat.
Dass Reduktion ebenso beredt sein kann, zeigt Irene Hardjanegara. Ihre kleinen Arbeiten aus der Serie „Structure and Dynamics of Large Scale | Cascade Learning“ bestehen aus feinen Bleistiftsetzungen auf hellem Grund. Nach der Bildmächtigkeit von Vivenes zwingen sie das Auge zur Ruhe.
Mathias Kessler bündelt schließlich eine heimliche Leitfrage der Ausstellung: Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn sich das Licht verändert? Er greift auf Landschaften von William Turner, Edgar Degas und Caspar David Friedrich zurück, löst Motive und Figuren aus den Vorbildern und übersetzt deren Farbverläufe und Lichtstimmungen in horizontale Zonen. Aus Friedrichs „Greifswald im Mondlicht“ wird eine vibrierende Folge aus Violett, Orange und Dunkelblau. Mit Industrialisierung und Luftverschmutzung, so Kesslers Ausgangspunkt, veränderten sich Atmosphäre, Licht und damit auch unser Blick auf die Landschaft. Das historische Bild verschwindet und bleibt dennoch gegenwärtig.
Noch einmal anders verhandeln Artjom Chepovetskyy, Goekhan Erdogan und Herbert Warmuth Farbe und Material. Warmuth lässt Farbe durch und hinter Plexiglas wirken, bis Brüche selbst zu malerischen Ereignissen werden. Erdogan legt monochrome Farbschichten übereinander und trägt sie partiell wieder ab, sodass darunterliegende Töne erst nach und nach hervortreten. Mit einer Skulptur löst er sich zudem von der Fläche und führt sein Spiel mit Material und Raum ins Dreidimensionale. Chepovetskyy ergänzt den Parcours um eine weitere abstrakte Position und erweitert das Wechselspiel zwischen Fläche, Farbe und Wahrnehmung.
So endet diese sommerliche Auswahl nicht mit einer Antwort, sondern mit dem Vergnügen des Sehens. Farbe, Licht und Schönheit dürfen verführen. Doch wer länger schaut, entdeckt hinter ihrem Glanz immer noch eine zweite Geschichte.
Weitere Informationen unter galerieheikestrelow.de
Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 20. August 2026 in Frankfurter Neue Presse
