Wenn der Wal fliegt

Manchmal muss Kunst verreisen, um bei sich selbst anzukommen. Im März schickte der Frankfurter Galerist Andreas Greulich drei Künstler für zehn Tage dorthin, wo Pazifiklicht, Wüste und Tourismusindustrie ziemlich spektakulär aufeinandertreffen: nach Cabo San Lucas in Mexiko. Jetzt ist die Reise zurückgekehrt. Nicht als Diaabend mit Sonnenuntergängen, sondern als Ausstellung.

Kunstpreis mit Happy End: Künstler, Jury und Wegbegleiter feiern in der Galerie Greulich die Rückkehr aus Mexiko und die Ergebnisse des ersten a(r)tambo Kunstpreises. (v.l. hintere Reihe) Dr. Elena Stiehr, Karen Wittel, Per Schorn, Hugo Álvarez Zanollo, François Paris und Özlem Erdogan (v.l. vorne): Meira Kiefer, Jurena Muñoz und Galerist Andreas Greulich Foto: A(r)tambo Art Award, Fotograf: Sophie Lorenz
Kunstpreis mit Happy End: Künstler, Jury und Wegbegleiter feiern in der Galerie Greulich die Rückkehr aus Mexiko und die Ergebnisse des ersten a(r)tambo Kunstpreises.
(v.l. hintere Reihe) Dr. Elena Stiehr, Karen Wittel, Per Schorn, Hugo Álvarez Zanollo, François Paris und Özlem Erdogan
(v.l. vorne):
Meira Kiefer, Jurena Muñoz und Galerist Andreas Greulich
Foto: A(r)tambo Art Award, Fotograf: Sophie Lorenz

Jurena Muñoz, Per Schorn und Meira Elisa Kiefer sind die drei Gewinner des ersten a(r)tambo Kunstpreises. Aus 85 Bewerbungen aus ganz Deutschland wählte eine Jury ihre Positionen aus. Gesucht wurde ausdrücklich nicht nach dem besten fertigen Werk. Entscheidend war vielmehr, welche künstlerische Arbeitsweise von einem Ortswechsel profitieren könnte und wer bereit war, sich auf einen fremden sozialen und kulturellen Kontext einzulassen. Neben dem zehntägigen Reisestipendium war der Preis mit 3000 Euro dotiert.
Nun hängen die Folgen dieses Experiments in der Galerie Greulich. Und sie könnten unterschiedlicher kaum sein.

Jurena Muñoz, 1990 in Hannover geboren und heute in Berlin lebend, setzt auf Farbe mit Ausrufezeichen. Ihre kraftvollen Arbeiten beschäftigen sich mit kultureller Identität, Migration und dem Erbe von Abya Yala. Indigene Frauen erscheinen darin als selbstbewusste Trägerinnen von Wissen und Widerstandskraft. Wer angesichts der Farbigkeit vorschnell an vermeintlich „exotische“ Bildwelten denkt, sitzt bereits in der Falle des eigenen Blicks. Genau das fasziniert Greulich: „Das ist auch für mich persönlich immer wieder ein großes Lernen bei solchen Ausstellungen, wo es um kulturellen Austausch geht.“ An Muñoz schätzt er die „Entschiedenheit“ ihrer Farbigkeit und die sinnliche Geschlossenheit ihrer Bildwelt.

Ganz anders Meira Elisa Kiefer. Die 2004 geborene Künstlerin studiert noch an der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Ihre Malerei ist leiser, intimer, tastender. Es geht um Befindlichkeiten, Selbstreflexion und Zwischenmenschliches. Gerade weil Kiefer noch am Anfang ihrer Laufbahn stehe, könne eine solche Reise einen „ziemlich großen Impact“ haben, sagt Greulich. Ihre Arbeiten zeigen, dass Mexiko nicht zwangsläufig nach Farbexplosion aussehen muss. Ein fremder Ort kann auch den Blick nach innen schärfen.

Der Frankfurter Fotograf Per Schorn wiederum konnte unmittelbar vor Ort arbeiten. Für seine Serie „working class heroes“ richtet er den Blick weg von touristischen Postkartenmotiven auf Menschen und Alltag. In Los Cabos entstanden Porträts von Künstlern, Landschaftsaufnahmen und Begegnungen mit einer Gegend, die Greulich durchaus verblüffte. Cabo fühle sich stellenweise „ein bisschen an wie Mallorca“, nur luxuriöser. Wo dort die Deutschen ihre Finca besitzen, seien es in Baja California die Amerikaner.

Dass diese zehn Tage mehr waren als eine amüsante Künstlerreise, zeigt „Sintonía“, der 18-minütige Film von Hugo Álvarez Zanollo. Seit 13 Jahren begleitet er Residency-Projekte mit der Kamera. Drei Menschen, erzählt er, seien nach Mexiko gekommen, ohne einander vorher zu kennen. Nach zehn Tagen habe sich zwischen ihnen eine erstaunlich enge Verbindung entwickelt.

Und dann war da dieser Wal. 42 Tonnen schwer, aus dem Wasser schießend, für einen Augenblick scheinbar fliegend. Oder ein gemeinsamer Aufstieg auf einen Hügel in völliger Dunkelheit, bis hinter den Bergen die Sonne erschien, das Wasser türkis wurde und die Landschaft ihre Farben wechselte. Zanollos Film bewahrt solche Momente, ohne sie zur touristischen Kulisse zu degradieren.

Für Greulich liegt genau darin der Sinn des Projekts. Seine Galerie wolle mehr sein als ein Ort, an dem fertige Kunst an weißen Wänden hängt. „Uns macht es wahnsinnig viel Spaß, Dinge zu ermöglichen und Teil des künstlerischen Prozesses zu sein.“ Eine Reise könne dabei ebenso wichtig sein wie das spätere Werk. „Das finde ich das Schönste, was man so machen kann.“

Eine Fortsetzung ist deshalb durchaus vorgesehen, allerdings nicht im Jahrestakt. Alle zwei Jahre, meint Greulich, sei realistischer. Denn auch ein Kunstpreis darf gelegentlich Luft holen.

Galerie Greulich, Ausstellung zum a(r)tambo Kunstpreis mit Jurena Muñoz, Per Schorn und Meira Elisa Kiefer, bis 23. August. Open Sunday am 23. August von 14 bis 18 Uhr.

Text von Edda Rössler
Veröffentlicht in Frankfurter Neue Presse am 19. August 2026