Wenn der Regen musiziert

Wenn Weinreben singen: Bernhard Schreiners Klanginstallation „Instant Sonification“ macht elektrische Spannungen in Pflanzen hörbar. Regen, Sonne und Wasseraufnahme verwandeln sich in Musik – mitten im Innenhof der Schirn. Im Bild: Schirn-Mitarbeiterin Regina Lang Foto: Edda Rössler
Wenn Weinreben singen: Bernhard Schreiners Klanginstallation „Instant Sonification“ macht elektrische Spannungen in Pflanzen hörbar. Regen, Sonne und Wasseraufnahme verwandeln sich in Musik – mitten im Innenhof der Schirn.
Im Bild: Schirn-Mitarbeiterin Regina Lang
Foto: Edda Rössler

Ein warmer Sommertag in Bockenheim. Weinreben werfen ihre Schatten auf alte Backsteinmauern. Ein leichter Wind bewegt die Blätter, irgendwo summt eine Biene. „Kommen Sie“, sagt Schirn-Mitarbeiterin Regina Lang lächelnd und biegt in den Innenhof der Kunsthalle Die Schirn ein. Der Rundgang beginnt nicht mit einem Gemälde, sondern mit einem Spaziergang.

Es ist eine ungewöhnliche Situation. Nicht nur die Kunst dieser Ausstellung ist ephemer. Auch die Schirn selbst lebt derzeit auf Zeit. Während ihr Stammhaus zwischen Dom und Römer saniert wird, hat die Kunsthalle für einige Zeit in Bockenheim Quartier bezogen, bis sie wieder in am angestammten Platz in die Frankfurter Altstadt umzieht. Dass ausgerechnet hier eine Ausstellung entsteht, die von Vergänglichkeit, Wandel und den Kräften der Natur erzählt, wirkt beinahe wie eine kuratorische Fügung. Selten haben Ort, Architektur und Ausstellung so selbstverständlich zueinander gefunden.

„Man kann immer wiederkommen“, sagt Regina Lang. „Die Erfahrung ist jedes Mal eine andere. Das Wetter verändert die Ausstellung.“
Und tatsächlich: Hier scheint nichts endgültig zu sein. Anders als im klassischen Museum, wo Temperatur, Licht und Atmosphäre kontrolliert werden, ist die Natur hier Mitautorin. Sonne und Wolken, Wind und Regen schreiben täglich eine neue Version derselben Ausstellung. Kein Besuch gleicht dem anderen. Kunst wird nicht konserviert, sondern ereignet sich immer wieder neu.

An einer Backsteinfassade entdeckt man plötzlich eine Ziffer. Wenige Schritte weiter noch eine. Erst langsam begreift man, dass Künstlerin Katja Mater den gesamten Innenhof in eine Sonnenuhr verwandelt hat. Ein Schornstein wird zum Zeiger, das Sonnenlicht übernimmt die Regie. Zeit wird hier nicht gemessen, sondern erlebt. Erst wenn die Sonne wandert, vollendet sich das Werk.

Ein paar Meter weiter hängen zwischen den Ästen eigentümliche, mit Bienenwachs getränkte Stoffkörper. Sie wirken zurückhaltend, fast schüchtern. „Das sind Margaret Raspés Regentrommeln“, erklärt Lang. Regen wird hier nicht zum Störfaktor, sondern zum Musiker. Erst wenn Tropfen auf den Stoff fallen, beginnt das Kunstwerk zu klingen. Die Natur wird nicht beobachtet. Sie spielt selbst mit. Was andernorts als schlechtes Wetter gilt, wird hier zum eigentlichen Akteur.
Dann bleibt Lang vor einer Weinrebe stehen. Unscheinbare Kabel führen zu einem Synthesizer. Was aussieht wie Technik, ist in Wahrheit ein Lauschen. Bernhard Schreiner misst feinste elektrische Spannungen in den Pflanzen und übersetzt sie in Klang. Wenn die Rebe Wasser aufnimmt, wenn Sonne, Regen oder Kälte sie verändern, antwortet sie mit Tönen. Pflanzen bekommen eine Stimme. Die Natur komponiert ihre eigene Musik.

Während des Rundgangs wird klar: Diese Ausstellung will nichts erklären. Sie schärft die Sinne. Plötzlich hört man genauer hin. Man achtet auf den Schatten einer Mauer, auf das Rascheln eines Blattes, auf den Rhythmus der Schritte im Hof. Die Grenze zwischen Kunstwerk und Umgebung beginnt zu verschwimmen. Der Blick wird langsamer. Das vermeintlich Nebensächliche rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Man entdeckt nicht nur die Werke, sondern auch den Ort, an dem sie entstehen.

Regina Lang mag gerade diese Offenheit. Die Ausstellung sei „sinnlich, zum Entdecken, zum Genießen“, sagt sie. Anders als klassische Museumsschauen könne man immer wieder zurückkehren, weil Licht, Wetter und Jahreszeit ständig neue Erfahrungen entstehen ließen. Kunst sei hier kein abgeschlossener Zustand, sondern ein fortwährender Dialog mit der Welt.

Die SCHIRN ist Dienstag–Sonntag von 10 bis 19 Uhr sowie Donnerstag von 10 bis 22 Uhr geöffnet.
www.schirn.de

Text und Foto von Edda Rösler
Veröffentlicht am 18. August 2026 in Frankfurter Neue Presse