Zwischen Obst und Gemüse

Fruits of the Market - Galerist Philipp Pflug in der Kleinmarkthalle Foto: Edda Rössler
Fruits of the Market – Galerist Philipp Pflug in der Kleinmarkthalle
Foto: Edda Rössler

Wäre „Fruits of the Market“ ein Musikstück, dann wohl keines von Wagner. Eher ein Divertimento von Mozart. Leicht, verspielt, voller Esprit und gerade deshalb von verblüffender Präzision.
Genauso verhält es sich mit dieser ungewöhnlichen Ausstellung in der Frankfurter Kleinmarkthalle. Während der Betriebsferien räumte Obst- und Gemüsehändlerin Michaela Frieser ihren Stand vollständig leer. Äpfel, Tomaten, Aprikosen und Melonen verschwanden aus den Regalen. Für vier Tage übernehmen rund fünfzig Kunstwerke ihren Platz. Was eben noch Verkaufsfläche war, wird für wenige Sommertage zu einer Galerie. Vielleicht zur charmantesten der Stadt.

Mit „Fruits of the Market“ gelingt Galerist Philipp Pflug eine jener Ideen, die so selbstverständlich erscheinen, als habe sie nur darauf gewartet, endlich verwirklicht zu werden. Manchmal genügt ein anderer Ort, damit wir ein Kunstwerk mit völlig neuen Augen sehen. Genau dieses kleine Wunder ereignet sich in der Kleinmarkthalle. Die vertrauten Regale, Holzkisten und Verkaufstische bleiben erhalten, doch statt Obst und Gemüse begegnen den Besuchern plötzlich Malerei, Skulptur, Fotografie und Keramik.

Rund fünfzig Arbeiten von 21 Künstlern sind ausgestellt, unter ihnen
Bettina von Arnim, Thomas Bayrle, Dominika Bednarsky, Jagoda Bednarsky, André Butzer, E.M.C. Collard, Johanna Dumet, Aldo Freund, Lena Grewenig, Alicja Kwade, Elad Lassry, Stefan Wieland und Sislej Xhafa. Keine Second-Hand-Kunst, sondern eine sorgfältig kuratierte Auswahl etablierter Künstler und anspruchsvoller Werke.

Die Leere des Marktstandes schärft den Blick. Wo gestern noch Kirschen und Pfirsiche verkauft wurden, behauptet sich heute allein die Kunst. Das leuchtende Rot von E. M. C. Collards großformatigen Gemälden scheint den Sommer selbst einzufangen. Dominika Bednarskys üppige Keramik, deren birnenbesetzter Korpus an eine festliche Torte erinnert, feiert geradezu die Fülle des Marktes. Aldo Freund kontert diese Sinnlichkeit mit einer spielerischen Styroporskulptur, die irgendwo zwischen Pop Art, Comic und surrealem Objekt pendelt. Das Sujet „Obst- und Gemüse“ lässt sich auch in zahlreichen Aquarellen feiern. Jagoda Bednarskys Arbeiten verbinden botanische Genauigkeit mit poetischer Leichtigkeit. Ihre Tomaten werden zu kleinen Kunstwerken des Alltags. Lena Grewenigs beschwingte Aquarelle, in denen Früchte, Pflanzen und feine Linienwelten miteinander verschmelzen, beweisen, dass sich selbst eine leise, poetische Arbeit auf einem ehemaligen Obststand mühelos behaupten kann. Thomas Bayrles Lithografie „Apfelbrei“ entsteht aus vielen kleinen Obstkörben, die sich zu einem einzigen Bild verdichten. Mit dieser für ihn typischen seriellen Bildsprache wird aus einem alltäglichen Sujet ein ebenso spielerisches wie verblüffendes Vexierbild. Alijca Kwades bronzene Melone wirkt beinahe so selbstverständlich, als hätte sie schon immer zwischen den Marktständen gelegen. Gerade weil nichts mehr vom ursprünglichen Warenangebot geblieben ist, entfalten die Arbeiten ihre besondere Präsenz.

Dass Pflug ungewöhnliche Orte liebt, überrascht kaum. „Die interessanten Locations finden mich“, sagt er lachend und formuliert damit fast beiläufig sein kuratorisches Credo. Tatsächlich besitzt die Kleinmarkthalle etwas, das viele Museen nur schwer erzeugen können: Neugier. Hier kommt niemand mit der Absicht, Kunst zu betrachten. Gerade deshalb schauen die Menschen besonders aufmerksam hin.
Auch die ehemalige Frankfurter Galeristin Esther Friedman, die überraschend vorbeischaut, erkennt darin die besondere Qualität der Ausstellung: „Mich fasziniert, dass die Kunst hier ihre Berührungsängste verliert. Viele Menschen würden nie eine Galerie betreten. Hier begegnen ihnen die Werke ganz selbstverständlich.“

Vielleicht liegt genau darin der Zauber von „Fruits of the Market“. Die Ausstellung will keine kunsthistorischen Theorien beweisen, sondern den Blick verändern. Wer den Stand wieder verlässt, schaut selbst auf eine Tomate mit etwas mehr Aufmerksamkeit. Mehr kann Kunst kaum erreichen.

Stand 118 – 119, Kleinmarkthalle, noch bis Samstag

Text und Fotos: Edda Rössler
Veröffentlicht in Frankfurter Neue Presse am 23.07.2026