Im Zentrum des Lichts

Im Dialog mit der Kunst: Dr. Oliver Wolleh und Galerist Rudi Feuser vor Lothar Wollehs ikonischem Porträt von Joseph Beuys. Eine charakteristische Künstlerinszenierung, in der Porträt und Werk zu einer eigenen Bildidee verschmelzen. Foto: Edda Rössler
Im Dialog mit der Kunst: Dr. Oliver Wolleh und Galerist Rudi Feuser vor Lothar Wollehs ikonischem Porträt von Joseph Beuys. Eine charakteristische Künstlerinszenierung, in der Porträt und Werk zu einer eigenen Bildidee verschmelzen.
Foto: Edda Rössler

Die Frankfurter PANGALLERY zeigt mit „Lothar Wolleh – LichtBilder“ hinter dem berühmten Porträtisten einen radikalen Experimentator.

René Magritte steht vor einem Gemälde, auf dem ein Körper im dunklen Anzug seinen Kopf verloren hat, an seiner Stelle schwebt die berühmte Melone. Lothar Wolleh bildet Künstler nicht einfach ab. Er bringt sie mit ihrem Werk in ein Spannungsverhältnis und macht aus dem Porträt eine eigene Bildidee.

Die PANGALLERY in der Bernusstraße 18 widmet dem 1930 in Berlin geborenen und 1979 mit nur 49 Jahren gestorbenen Fotografen die Ausstellung „Lothar Wolleh – LichtBilder“. Sie zeigt berühmte Künstlerporträts, rückt aber eine andere Seite ins Zentrum: Farbe, Abstraktion, Unschärfe, Licht und Bewegung. Hinzu kommt mit den „Männern der Wirtschaft“ eine bislang unveröffentlichte Porträtserie aus den siebziger Jahren.

Wolleh studierte bei Otto Steinert in Essen, sein künstlerisches Terrain aber wurde Düsseldorf und das Rheinland. Hier bewegte er sich in jener Avantgarde, die nach dem Krieg die Grenzen der Kunst neu vermessen wollte. Die Künstler der ZERO-Bewegung gehörten zu seinem Umfeld: Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker ebenso wie Joseph Beuys, Lucio Fontana oder Gerhard Richter begegneten seiner Kamera. Wolleh war mehr als Chronist und teilte ihre Faszination für Licht, Raum und Wahrnehmung.

Das wird in den überraschenden Farbarbeiten deutlich. Konturen verschwimmen, Farben gleiten ineinander, Lichtspuren durchziehen dunkle Räume. Licht ist nicht länger bloß Voraussetzung der Fotografie, sondern selbst Motiv. Oliver Wolleh, Sohn und Nachlassverwalter, vermutet darin eine biografische Tiefenschicht: „Eigentlich ist das eine Reminiszenz auch an das Polarlicht, das er kennengelernt hat, als er in russischer Gefangenschaft im Lager war.“ Es sei ein Licht, „das eigentlich ohne eine Lichtquelle daherkommt“.

Erfahrungen aus der Werbung nahm Wolleh mit, etwa die Lust am großen Format. Seine Hasselblad wurde zum Instrument präziser Bildregie: Der Ausschnitt entstand bereits beim Fotografieren, nicht nachträglich im Labor.
Seine Porträts schaffen Nähe und zugleich Distanz. Ikonisch ist das Porträt von Joseph Beuys. Wolleh übersetzt darin die Selbstinszenierung des Künstlers in seine eigene streng komponierte Bildsprache. Das Foto ist längst selbst Teil der Kunstgeschichte. Ein Abzug befindet sich auch in der Tate Modern in London. Seine Porträts sind mehr als Dokumente einer Epoche: autonome Kunstwerke.

Wie sehr Kunst und Leben bei Wolleh ineinandergriffen, erinnert sein Sohn: „Er war ein sehr intensiver Typ.“ „Es war ein Studiohaushalt, ein Handwerkshaushalt“, erzählt Oliver Wolleh. Auf der einen Seite der vierten Etage wurde gewohnt, auf der anderen lag das Studio. Wolleh war zudem Sammler, Tauscher und Mäzen; Fotografien wurden gegen Kunst getauscht.

Auch Wollehs Sinn für Inszenierung zeigt sich in Mailand: Beim Abschiedsfestival der Nouveaux Réalistes fotografiert er Jean Tinguely vor dessen „La Vittoria“, einem mehrere Meter hohen goldenen Phallus vor dem Dom. Tinguely steht exakt in der Bildmitte und verdeckt mit seinem Körper ausgerechnet das Zentrum der monumentalen Skulptur. Absicht, Etikette, Humor? Sohn Oliver Wolleh legt sich nicht fest: „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ Sicher sei nur: „Er ist immer ganz bei dem Künstler.“

Wolleh fotografierte die Avantgarde nicht von außen, er dachte mit ihr. Die Frankfurter Ausstellung zeigt hinter dem großen Porträtisten einen Experimentator, dessen Fotografie dort besonders aufregend wird, wo das Gegenständliche verschwindet – und nur noch Licht bleibt.

„Lothar Wolleh – LichtBilder“, PANGALLERY, Bernusstraße 18, Frankfurt, bis 10. Oktober. Do./Fr. 14.30–18.30 Uhr, Sa. 11–14 Uhr.

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 12.09.2026 in Frankfurter Neue Presse