Für Kiefer öffnet sich die Fassade

Kunst mit Widerhaken: Auktionator Karl Michael Arnold vor Anselm Kiefers „Die Kosmiker“ im Frankfurter Rizon. Wer sich dieses Dickicht nach Hause holen möchte, kann am 14. November ab 600.000 Euro mitbieten. Foto: Edda Rössler
Kunst mit Widerhaken: Auktionator Karl Michael Arnold vor Anselm Kiefers „Die Kosmiker“ im Frankfurter Rizon. Wer sich dieses Dickicht nach Hause holen möchte, kann am 14. November ab 600.000 Euro mitbieten.
Foto: Edda Rössler

Manche Kunst braucht mehr als einen freien Nagel. Für zwei monumentale Arbeiten von Anselm Kiefer musste im Frankfurter Hochhaus Rizon ein Fassadenelement weichen. Eine Rampe wurde gebaut, ein Hubwagen rollte an, neun Helfer packten zu. Die Werke werden rund um die Uhr bewacht. Bei der Preview am Montagabend entfalteten sie zwischen rohen Wänden und Beton eine beinahe mystische Gegenwart.

Gäste aus Frankfurts Kunst- und Kulturszene trafen auf Immobilienprofis. Eingeladen hatten das Auktionshaus Arnold und Groß & Partner, Entwickler des neuen Quartiers Four. Wo später der Empfang eines Fünfsternehotels entstehen soll, hat vorerst Anselm Kiefer eingecheckt. Am 14. November kommen seine Arbeiten im Auktionshaus Arnold unter den Hammer. Je Werk beträgt der Ausruf 600.000 Euro, zuzüglich Aufgeld und Folgerechtsabgabe.

„Maginot“ von 1996 misst 2,80 mal 3,80 Meter. Kohle auf Holzschnitt, Kreide und Spargel auf Leinwand: Schon die Materialliste lässt aufhorchen. Die in Schellack getauchten Stangen werfen lange Schatten, als zeichne das Licht am Bild weiter. Doch hinter dem optischen Reiz liegt Geschichte. Der Titel verweist auf die französische Maginot-Linie. Die spröden Pflanzen lassen sich als Vegetation ebenso wie als Sperren lesen. Ausgerechnet zerbrechliches Material beschwört ein Bollwerk: Wie dauerhaft ist, was Sicherheit verspricht? Das Werk war 2007/08 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen.

Dunkler antworten „Die Kosmiker“, entstanden zwischen 1994 und 2010. Hinter Glas greifen Dornenzweige in den Raum, eine Kuh erscheint wie eine Zeugin aus anderer Zeit. Der Titel nennt Stefan George, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Karl Wolfskehl und Albert Verwey. Ihre Namen öffnen den Blick auf ein geistiges Milieu um 1900, das in Antike, Natur und Mythos Gegenwelten zur Moderne suchte. Öl, Emulsion, Acryl und Schellack verdichten sich mit den Zweigen zu einem Bild zwischen Malerei und Objekt. Die Kuh bringt Fruchtbarkeit und Vergänglichkeit ins Spiel; die Dornen verwehren jede Idylle. 2010 gehörte das Werk zur Ausstellung „Europa“ in der Potsdamer Villa Schöningen.

Für Nikolaus Bieber, einen der beiden Vorsitzenden der Geschäftsführung von Groß & Partner, passt die Kunst zur Idee des Four als „Ort des Austausches, der Begegnung“. Auktionator Karl Michael Arnold bilanziert die Zusammenarbeit: „Genial.“ Kurze Entscheidungswege hätten geholfen, ein großes Problem zu lösen. „Suchen Sie mal in Frankfurt ein Haus mit einer 3,5 Meter hohen Eingangstür.“
Einen Favoriten hat Arnold nicht. Das Dunkle mit der Kuh ziehe ihn ebenso an wie die Schattenbildung des Spargels. Für die Versteigerung zählt die Konkurrenz: „Das System Auktion funktioniert nur, wenn es ein Bietgefecht gibt.“

Und Frankfurt als Kunststandort? Die Standortfrage hält Arnold seit dem Internet für überholt. Von hier erreiche er Interessenten in San Francisco, Kobe, Singapur oder Shanghai ebenso wie in Kronberg, Königstein und Dreieich. Frankfurt kann für ihn auch bei solchen Formaten international mitspielen.
Ein Museum oder eine Institution als Käufer könnte die Werke öffentlich zugänglich machen. „Wünschenswert? Klar“, sagt Arnold. Doch auch private Sammler sind willkommen. Entscheidend sei, dass die Kunst Freude auslöse, bei Menschen mit Sinn und Lust dafür.

Museum, Stiftung, Privatsammlung? Finden beide Werke Käufer – und werden sie künftig öffentlich zu sehen sein? Noch gehören die großen Auftritte der Kunst. Am 14. November spricht der Hammer.
Auktion: 14. November 2026, 15 Uhr, Auktionshaus Arnold, Bleichstraße 40–42. Vorbesichtigung im Four nach Vereinbarung. www.auktionshaus-arnold.de

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 27. Oktober 2026 in Frankfurter Neue Presse