Der Fotograf der Arbeiterklasse – Eine bemerkenswerte Retrospektive von Chris Killip im The Cube

Die Deutsche Börse Photography Foundation mit Sitz in Eschborn ist bekannt für sehenswerte Ausstellungen. Noch bis zum 19. Mai präsentiert sie mit einer umfangreichen Solo-Show des englischen Fotografen Chris Killip (1946 – 2020) jedoch einen Meilenstein der Fotogeschichte. Die Ausstellung ist mit rund 140 Fotografien die bisher umfassendste Präsentation von Killips Oeuvre in Deutschland und zeigt Porträts-, Landschafts- und Architekturfotos in unterschiedlichen Formaten in Schwarzweiß. Kuratiert wurde sie von Tracy Marshall-Grant, Ken Grant und Anne-Marie Beckmann, der Direktorin der Deutsche Börse Foundation.

Kuratorin Anne-Marie Beckmann vor Fotos von Chris Killip Foto: Edda Rössler
Kuratorin Anne-Marie Beckmann vor Fotos von Chris Killip
Foto: Edda Rössler

Der international gefeierte Künstler, der seit 1994 zudem in Harvard unterrichtete, kam eher zufällig zur Fotografie. Die Auseinandersetzung mit Kunst wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. In einfachen Verhältnisse auf der in der Irischen See zwischen England und Irland gelegenen Insel „Isle of Man“ geboren, flog er mit 16 Jahren von der Schule und arbeitete als Hilfskraft in einem Hotel. Der große Fahrradfan entdeckte zufällig in einem Magazinbericht über die Tour de France ein Foto des legendären Fotografen Henri Cartier-Bresson, das ihn fesselte. Obwohl er keine Kamera besaß, informierte er die Eltern, dass er Fotograf werde, arbeitete eine Zeit lang als Strandfotograf und fand in Londoner Werbeagenturen Zugang zu dem Medium, das ihn zeitlebens nicht mehr losließ.

1969 zog es ihn zurück in die Heimat, auf die Isle of Man und in den Nordosten Englands, um mit seinen Aufnahmen der Landschaft und den Menschen Anerkennung zu zollen. Dem Chronisten einer Ära, die dem Untergang geweiht war, gelangen in 1970er und 1980er Jahren einprägsame Aufnahmen von Menschen, die aufgrund der Deindustrialisierung in der Epoche Maggie Thatchers in die Armut gedrängt wurden. Obwohl Killips Fotos von dramatischen Lebensumständen berichten und sein Personal oft verzweifelt war, verlieh er den Porträtierten Würde und begegnete ihnen mit Respekt.

Was für ein Mann, der Gedanke stellt sich spontan beim Betrachten der bewegenden schwarzweiß Fotos ein, die er bar jeglicher Ornamentik, schnörkellos und dennoch voller Poesie und Empathie über entbehrungsreiche und beschwerliche Zustände auf Zelluloid bannte. Unwillkürlich fühlt man sich an Balladen Bob Dylans oder Woody Guthries erinnert, die der Arbeiterklasse und ihrem Land ein Denkmal setzen. „This land is your land“, das sagen auch Killips Fotos. Selbst wenn die Lebensumstände prekär sind, das Geschrei der Seemöwen ins Leere geht und die raue See keine Kohle mehr zum Verkauf freigibt. Killips Modelle „posen“ nicht, sie öffnen den Blick des Betrachters auf ihr Leben und ihre Seele, indem sie nicht effektheischend in die Kamera blicken. Sie sind ganz bei sich, ihrem Gedanken, ihrem Schmerz und ihrer Arbeit. So werden Aufnahmen wie etwa des im Meer nach Kohle suchenden Gordon, dessen Boot von Pferden durch die tosende Meeresgischt gezogen wird, oder das Foto eines Vaters, der seinen Sohn in trister Umgebung Huckepack trägt, zu ikonischen Motiven.

Bei alldem spürt man die Vertrautheit des Fotografen mit seinen Landsleuten. Lange bevor er sie fotografierte, war er mit ihnen in Pubs unterwegs, auch um zu dokumentieren, dass er einer „von ihnen sei“ und dass ihm keineswegs um bloße Schnappschüsse ging. Erst nachdem er ihr Vertrauen errungen hatte, fotografierte er sie.

Neben Fingerspitzengefühl, Empathie und Respekt fand er zudem den perfekten Bildausschnitt. Seine Kamera, selbst bei Tageslicht arbeitete er mit Blitzlicht, zaubert Strahlen und Lebendigkeit in das Foto. Dass eine seiner bevorzugten Plattenkameras, die Plaubel Makina, seinerzeit in Frankfurt am Main gefertigt wurde, macht ihn zwar nicht zum Hessen, aber ist durchaus ein weiterer Anreiz zum Besuch der Retrospektive von Chris Killip.

Am 20. April ist die Ausstellung von 11 bis 16 Uhr im The Cube in Eschborn öffentlich zugänglich. Ebenso am 4. Mai von 19 bis 24 Uhr anlässlich der Nacht der Museen.

Weitere Informationen unter www.deutscheboersephotographyfoundation.org

Text und Foto von Edda Rössler
Veröffentlicht am 23. März 2024 in Frankfurter Neue Presse